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Meine Zwillingsschwangerschaft: Ela litt an Hyperemesis Gravidarum und musste sich täglich bis zu 40 Mal übergeben

Mama Ela hat keine schönen Erinnerungen an ihre Zwillingsschangerschaft: Die 27-Jährige litt an Hyperemesis Gravidarum, musste sich bis zu 40 Mal am Tag übergeben und möchte anderen Müttern mit der gleichen Diagnose Mut machen. Dieses Interview ist nichts für schwache Nerven. Dass eine Zwillingsschwangerschaft auch völlig komplikationslos sein kann, das erzählt beispielsweise Zwillingsmama Claire.

In  welcher SSW hast du von deiner Schwangerschaft erfahren? War es eine Überraschung, oder war es geplant? Wie hat dein Partner reagiert?

Ela: Ich merkte bereits sehr früh das etwas „ nicht stimmt“. Am Tag meiner Menstruation testete ich und der Test war sofort positiv. Das müsste dann ca. die fünfte Schwangerschaftswoche gewesen sein. Die Schwangerschaft war die größte Überraschung meines Lebens, völlig ungeplant, da ich nie einen wirklichen Kinderwunsch hatte ( und heute bin ich ein Muttertier 😉 Mein damaliger Partner war nicht weniger schockiert und schwankte zwischen Freude und: das geht nicht, schließlich waren wir erst sehr kurz ein Paar und er bereits Vater eines damals 12 Jahre alten Pubertäters.

Ab wann war klar, dass es sich um Zwillinge handelt? Wie hast du reagiert, wann hast du es realisiert?

Ela: Das es Zwillinge werden würden stand direkt beim zweiten Besuch bei meinem Gynäkologen fest. Das war in der 6. Schwangerschaftswoche ( 5+1). Es war ein Dienstag Nachmittag – das weiß ich noch ganz genau. Einen Tag vorher hatte ich mich mit einer Freundin getroffen. Sie scherzte rum und sagte: Wäre doch witzig wenn du Zwillinge bekämst. Ich entgegnete nur, dass, wenn ich Zwillinge bekommen würde, sie Patentante würde. Naja, jetzt ist sie Patin von wahnsinnig niedlichen Zwillingen. Aber zurück zum Dienstag: Ich werde ihn wohl NIE vergessen. Denn es war der größte Schock meines Lebens als mein Arzt mich fragte ob ich zählen kann. Denn es waren eindeutig zwei Fruchthöhlen zu erkennen.

Für meine Reaktion schäme ich mich heute sehr, denn ich fragte ihn nur wie groß die Chance ist, das es einer nicht schafft, danach brach ich in Tränen aus. Als die Sprechstundenhilfe mich fragte ob ich irgendwas benötigte, entgegnete ich nur: ich brauch eine Pistole, ich muss meine Freundin töten. Als ich mich wieder gefangen hatte, verließ ich die Praxis und ging mit dem Ultraschallbild in den Laden meiner Freundin. Sie war total aus dem Häuschen und freute sich sehr. Gruselig ist, das sie ihrer Schwägerin auch schon Zwillinge vorhersagte.

Richtig realisiert habe ich es erst viel viel später, den in den nächsten Tagen änderte sich mein Leben vollständig, ich litt sehr unter Übelkeit und Erbrechen und ich durfte aufgrund der Schwangerschaft nicht mehr arbeiten. Das alles zog mir den Boden unter den Füßen weg und stürzte mich in ein großes Loch.

Hast du vor der 12. SSW schon jemandem erzählt, dass du schwanger bist?

Ela: Das ließ sich kaum vermeiden, da ich bereits in der sechsten Woche unter extremer Übelkeit und Erbrechen litt (Hyperemesis Gravidarum) . Generell bin ich aber auch nicht abergläubisch und denke das alles einen Grund und Sinn im Leben hat. Sollte eine Schwangerschaft vor der 12 SSW enden, so fände ich es sehr schade wenn dieses Leben unbekannt und ungeliebt einfach aus dem Leben gestrichen wird, es ist doch viel schöner wenn man es liebte und man sich mit Freunden und Familie freuen kann, und – wenn der Fall einer Fehlgeburt eintritt – auch gemeinsam trauern kann.

Wie hast du es deinem Chef/ der Chefin erzählt? 

Ela: Da ich Krankenschwester bin, erzählte ich umgehend nach der offiziellen Bestätigung durch den Gynäkologen meiner Chefin, das ich schwanger bin, da gewisse Maßnahmen und Einschränkungen auf uns zu kamen. Durch die Zwillingsschwangerschaft bekam ich jedoch umgehend ein Beschäftigungsverbot, dies war im Nachhinein ein glücklicher Umstand, da ich sonst durch die Hyperemesis Gravidarum krank geschrieben worden wäre und mit Einbußen beim Elterngeld hätte rechnen müssen, da ich Krankengeld erhalten hätte. Grad bei Zwillingen zählt ja doch jeder Cent.

Wie war die Schwangerschaft? Hattest du gewisse Gelüste. War dir schlecht? Warst du in vorzeitigem Mutterschutz?

Ela: Meine Schwangerschaft war das schlimmste, das ich je erleben musste. Mir ging es von Anfang an sehr schlecht, ich übergab mich zu spitzen Zeiten bis zu 40 mal am Tag, ich konnte weder essen noch trinken.Ich litt unter schweren Kreislaufproblemen, Ödemen bis zur Brust und hatte häufig Blutungen und lag bis zur Entbindung in der 37. Schwangerschaftswoche 7 mal im Krankenhaus. Selbst wenn ich gewollt oder gedurft hätte: ich hätte nicht arbeiten können.Es gab nur wenige Highlights die mir quasi beim Durchhalten halfen:

12. SSW: alles Gut angewachsen

22. SSW : Voll mit Medikamenten nach Hamburg zum Konzert gefahren

25. SSW: Geschlechtsouting bei der Feindiagnostik im Pränatal-Zentrum

Ab wann war die Schwangerschaft belastend, war sie das überhaupt jemals? Wer hat dir geholfen?

Ela: Meine Schwangerschaft war von Anfang an sehr belastend, neben der Tatsache, dass ich ungewollt und ungeplant mit Zwillingen schwanger war, litt ich unter extremer Übelkeit und massivem Erbrechen ( Hyperemesis Gravidarum). Ich hatte bereits bis zur 12. SSW 13 Kg abgenommen, hatte in der 7, 14 und 20 SSW Blutungen.

Ich kam das erste mal in der 7. SSW wegen Blutungen und erbrechen ins Krankenhaus, man gab mir Medikamente, ich bekam Bettruhe und die Versicherung das es bald aufhören würde mit dem Erbrechen. Leider übergab ich mich trotz Vomex mehrfach am Tag, ich konnte nicht essen nicht trinken. Nachdem ich kotzend auf der Toilettte zusammen brach, erneut mit Blutungen aus sämtlichen Köperöffnungen, bot man mir einen Schwangerschaftsabbruch an, dies jedoch lehnte ich ab. Stattdesssen bekam ich Zofran, ein Medikament das man überwiegend bei Krebspatienten im Rahmen der Chemotherapie verabreicht um das Erbrechen zu unterbinden.

Mit diesem Medikament ließ sich das Erbrechen in mildere Bahnen lenken. Ich musste mich nur noch maximal vier mal am Tag übergeben, statt der vorherigen 40 mal. Doch leider nahm es mir nicht die Übelkeit. Nach zwei Wochen im Krankenhaus hatte ich trotz medikamentöser Behandlung weiter an Gewicht verloren, so dass man mir erneut zwei Optionen lies: entweder selber essen oder künstlich Ernähren. Ich zwang mich also zum Essen und konnte das Krankenhaus verlassen nach dem ich 500 Gramm zugenommen hatte.

Ich bin überaus dankbar dafür das die Ärzte im Spital meine Beschwerden ernst nahmen und mich vernünftig behandelten, nach dem ich mit vielen anderen HG-Patientinnen sprach, musste ich feststellen, dass viele Frauen als wehleidig, weinerlich und psychisch Krank abgestempelt werden. Sie werden einfach mit ihrem unermesslichen Elend im Stich gelassen.

Meine Freundin Sylvie-Anne Nievelstein (sie ist eine der betroffenen und hat mir sehr geholfen in der schlimmsten Phase, in der ich weder reden, noch laufen, noch hören mochte) hat für diese Frauen eine Selbsthilfe Gruppe für Betroffene gegründet, dort können sich die Schwangeren, aber auch Überlebende (Die Definition für HG lautet: übermäßiges, unstillbares Erbrechen in der Schwangerschaft mit massiver Gefährdung von Mutter und Kind), austauschen sich helfen und aktiv oder mental unterstützten, dort erhalten Frauen Infomrationen darüber, welche Medikamente sie nehmen dürfen und wo sie diese beziehen können, zusätzlich gibt es dort in der Gruppe Hebammen, Krankenschwestern, Heilpraktiker, Stillberater und Gynäkologen die mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Dieser Austausch hat mir mental unglaublichen Antrieb gegeben, da ich erkannte das ich nicht verrückt bin, sondern ernsthaft Krank. Belastend war es also vom ersten Tag an, jedoch gab es eine Phase um die 25. SSW in der es mir ausgesprochen gut ging. Danach ging es jedoch massiv bergab. Und es wurde wirklich unschön und menschenunwürdig, so das ich in der 36 SSW um Einleitung der Geburt bat. Die meiste Hilfe und Unterstützung erhielt ich von Familie und Freunden, so wie dem Ärzteteam des Krankenhauses, die alles dafür taten unser Leben zu schützen.

Welche Sachen hast du eingekauft? Wann wurde das Zimmer für die Zwillinge gestaltet? Welche Dinge MUSS jede Zwillingsmama zu Hause haben? Was ist sinnlos?

Ela: Ich habe erstaunlich wenig eingekauft, zum einen weil es nicht ging, zum anderen weil ich überhaupt keinen Plan hatte was ich so brauchen würde. Das meiste haben auch hier Freunde und Familie ran geschafft, teilweise von sich aus, teilweise im Auftrag. Das einzige was ich mir nicht nehmen lies, war der obligatorische „Schwangerschafts-Shopping-Overkill“ beim örtlichen Möbelschweden.

Meine Twinnies haben kein eigenes Zimmer, so das ich nur eine kleine Ecke im Schlafzimmer richtete, dies wurde eine Woche vor der Entbindung fertig, die letzten Kleider holte ich einen Tag vor der Entbindung von der Leine. ( Last-Minute, da ich bereits Wehen hatte, aber das meiste holt man ja bekanntlich unter Zeitdruck aus sich raus).

Meine Ultimativen-Muss-Man-Haben dinge waren eigentlich diese:

  • Tragetücher
  • ein gutes Stillkissen ( auch wenn man nicht stillen möchte)
  • eine Federwiege
  • Nerven wie Drahtseile
  • eine Haushaltshilfe für die ersten 6 Wochen

Dinge die „Nice to have“ sind aber für mich heute unnötig erscheinen, weil ich sie nie nutzte:

  • Babybetten
  • Kinderwagen
  • Babybadewanne

Wie war die Geburt? Welche SSW? Natürlich? Kaiserschnitt?

Ela: Die Geburt war leider genauso bescheiden wie die Schwangerschaft selbst auch, einen Tag bevor ich eingeleitet werden sollte, da es einfach nicht mehr ging körperlich, bekam ich wehen.

Ich hatte mich dafür entschieden, spontan zu entbinden und tat dies am 2.9.14 in der 37. SSW um 11.27 und 11.47 Uhr.

Da die Geburt nicht besonders schön, sondern eher traumatisierend war, möchte ich an dieser Stelle nur sagen, das alles schief ging was schief gehen konnte. Ich bereue etwas, dass ich mich angesichts meines schlechten Allgemeinzustandes nicht für einen Kaiserschnitt entschieden hatte, aber ich bereue es auf keinen Fall eine möglichst natürliche Geburt angestrebt zu haben, auch wenn von meinen Wünschen nicht viel übrig blieb.

Was hast du gedacht, als du die Kinder erstmals gesehen hast?

Ela: Ich dachte irgendwie gar nichts, ich war zu geschockt von dem voran gegangenen Erlebnissen und den wirklich großen Hämatomen welche die beiden hatten, da sie per Glocke geholt werden mussten.

Wenn ich sie jetzt jedoch ansehe denke ich: alter Falter, 9 Monate alleinerziehend und alle drei inklusive des Katertiers leben noch. Ich muss Supergirl sein. 😉

Welchen Tipps gibst du werdenden Zwillingseltern /Zwillingsmüttern mit auf den Weg?

Ela: Nicht zu viel lesen, authentisch bleiben, nix planen, es kommt eh alles anders als man erwartet und so bleibt die Enttäuschung klein und man verplempert keine Energie. Was ich sonst noch allen schwangeren Frauen mit auf den Weg geben möchte: Bitte verurteilt keine anderen Mütter, weil sie in der Schwangerschaft Medikamente nahmen, jemand der nicht selber unter HG litt, kann kaum ermessen wie schrecklich diese Krankheit ist.

Neben der permanenten Übelkeit/ Erbrechen, dem nicht essen/ trinken können, dem Verlust der Selbstständigkeit und der Sozialen Isolation lebt man in ständiger Angst davor, seinem ungeborenem Kind zu schaden, man schämt sich für jede Tablette die man nimmt, man hasst sich für seine Schwäche, man versucht immer wieder die Medikamente ab zu setzen und landet nicht selten erneut völlig entkräftet im Krankenhaus.

Es ist ein ständiger Kampf ums Leben. Nicht wenige Frauen landen am Ende beim Arzt um die Schwangerschaft zu beenden oder denken über Suizid nach. Das Leid von betroffenen Frauen ist unermesslich und keine von ihnen wird leichtfertig Medikamente nehmen, wenn auch Hausmittel und Homöopathie helfen würden, denn sehr oft sind die Medikamente im Krankenhaus die letzte Station einer sehr langen Reise voll von Experimenten mit Hausmitteln, Naturheilkunde und allerlei esoterischen Ideen.

Erzähle auch du von deiner Zwillingsschwangerschaft: einerschreitimmer@gmx.at


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11 comments

  1. Hallo Ela,

    meine SSW verlief so ähnlich wie deine. Habe auch Zwillinge bekommen und 9 Monate nur gekotzt.. Ich kenne die Sozialeisolation, entkräftet im KH landen und mit Medikamenten vollgestopft zu werden.. Auch blöde Blicke weil man so harte Medikamente nehmen muss weil es nicht anders geht…

  2. Ich hatte eine super Schwangerschaft. Ich bin selbständig und habe bis zum letzten Tag gearbeitet. Ich war bis zum siebten Monat im Fitnessstudio und alles was man haben kann hatte ich nicht. Es geht auch unproblematisch. Meine Mädels kamen eine Woche vor dem geplanten Kaiserschnitt (2x BEL) in der 37. Woche zur Welt. Alle gesund und munter :-).

    • Liebe Claudia,
      Gott sei dank sind tatsächlich die meisten Schwangerschaften, ob mit mehrlingen oder einlingen verhältnismäßig unproblematisch.
      Eine so schwere Form der hyperemesis wie ich sie hatte ist selten. Insgesamt betrifft es ca 1-2% aller schwangeren. mehrlingsschwangere und Frauen in deren Familien es Fälle von hyperemesis gab sind besonders gefährdet daran zu erkranken.
      es gibt verschiedene Theorien, warum Frauen an hyperemesis gravidarum erkranken, doch gibt es zwar immer mal Übereinstimmungen bei der Ursachensuche, jedoch nichts das auf alle betroffenen zutrifft

    • Liebe Claudia! Magst du das nächste SS-Interview machen? Würde mich sehr freuen!

  3. …und ich dachte immer, ich hätte eine schwere Schwangerschaft gehabt!
    Gruselig, das zu lesen und umso schöner das gottlob gute Ende.
    Liebe Grüße!

  4. Phuu… Ich muss sagen, ich würde dich am liebsten in den Arm nehmen für all diese Strapazen!
    Ich frag‘ mich wie du das geschafft hast. Alleine! Ich bin in 6 Wochen ‚fertig‘ und krieg langsam Panik. Und meine Umstände sind im Gegensatz zu deinen damaligen wirklich lachhaft. Ich hoffe dir und den Zwillingen geht’s gut.

    Liebste Grüße und Hut ab.

  5. Für Frauen, die auch unter Hyperemesis gravidarum leiden, haben wir eine Selbsthilfegruppe gegründet: https://m.facebook.com/groups/789097041137278?ref=bookmarks
    Für weitere Infos zum Thema habe ich eine Homepage erstellt: http://www.hyperemesis-hilfe.de

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