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Mut zur Lücke: Warum PEKiP nicht alles ist und Zwillingsmütter Superheldinnen sind

Wer braucht schon PEKiP, Bio und Häuschen im Garten? Kinder werden auch ohne all das glücklich groß.

Weg vom Perfektionismus hin zu einem stressfreien Alltag: In ihrem neuen Buch „Mut zur Lücke“ schreibt Journalistin Silia Wiebe über den ständigen Druck der auf Müttern lastet, ihren Kindern jede nur erdenklich mögliche Frühförderung zukommen zu lassen. „Wir wollen immer alles richtig machen und erwarten, dass unsere Kinder nonstop glücklich sind. Das funktioniert aber nicht und erzeugt Druck“, sagt die Autorin, die Zwillingsmütter insgeheim bewundert.

„Mut zur Lücke“, heißt dein neues Buch – warum war es dir wichtig es zu schreiben?
Mein Buch war ein echter Glücksfall. Ich bin Journalistin und hatte einen Artikel geschrieben über die Frage, wie sich Eltern von ihren oft übertrieben perfektionistischen Ansprüchen an sich selbst befreien können. Tenor: Vielleicht braucht es gar nicht so viele Regeln im Alltag, manchmal hilft auch ein entspannterer Blick. Also weniger Perfektion, mehr Mut zur Lücke. Es muss nicht immer die Piratenbootgeburtstagstorte sein, es geht auch eine Nummer kleiner und damit stressfreier. Dem Kösel-Verlag gefielen Thematik und Tonfall und so wurde ich gefragt, ob ich aus der Titelgeschichte ein Buch machen möchte. Klar, hab ich gesagt. Und los gings.

 

Zwillingsmütter können nicht mit zwei Kindern zum Babyschwimmen – müssen wir deshalb ein schlechtes Gewissen haben?
Wie Zwillingsmütter ihren Alltag auf die Reihe kriegen, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Ich bin mit einer Zwillingsmutter befreundet und schwer beeindruckt, wie sie alles managt.  Ich war in den ersten drei Jahren oft schon mit einem – und noch dazu sehr entspannten – Kind am Limit. Was Babyschwimmen angeht, muss ich ehrlich sagen: Ich habs nie gemacht, weil ich Wasser hasse und ungern friere und auch keinen Spaß daran habe, mich vor fremden Menschen umzuziehen. Babys frieren ja auch ungern und lassen sich nicht gern an- und ausziehen. Also dachte ich mir: Das können wir getrost schwänzen. Mein Kind hat dadurch keinen Schaden genommen. Ole liebt heute Schwimmbäder, rutscht mit dem Papa fünfzehn Mal hintereinander die Wasserrutsche runter und das Seepferdchen haben wir inzwischen  auch im Sack. Fazit: Wer Schwimmen und Schwimmbäder liebt, soll es genießen, aber sich nicht den Druck machen, dass beide Babys im selben Moment dieselbe Förderung bekommen müssen. Ich würde sagen: Lieber mit einem Kind relaxt einen Kurs durchziehen, als zwei brüllende Babys durchs Wasser schieben und anschließend total genervt aufs Sofa sinken.

 

Warum haben wir trotzdem ein schlechtes Gewissen? Gibt es Tipps, das schlechte Gewissen los zu werden?
Wir wollen immer alles richtig machen und erwarten, dass unsere Kinder nonstop glücklich sind. Das funktioniert aber nicht und erzeugt Druck. In meinem Buch erklärt die Professorin Dr. Una Röhr-Sendlmeier, die über das schlechte Gewissen von berufstätigen Müttern forscht, dass gerade wir Frauen dazu neigen, Probleme auf uns zu beziehen und uns schuldig zu fühlen. Sie erklärt es mit einem Bild: Ein Dreijähriger balanciert auf einer Mauer und fällt herunter. Der Papa denkt: Mist, der arme Kerl, wo finde ich schnell ein Pflaster? Die Mutter denkt: Wie konnte mir das bloß passieren, hätte ich mal besser aufgepasst! Wir können aber nicht alles kontrollieren und sind auch nicht für alles verantwortlich, was unseren Kindern im Leben passiert. Sich das ab und an bewusst zu machen, dämmt das schlechte Gewissen bestimmt ein.

 

Welche Frühförderung ist sinnvoll, was ist übertrieben? Wie viele Termine pro Woche sind sinnvoll?

Kein einziger Nachmittagskurs ist ein Muss und übertrieben ist jede Art von Programm, für das man weit fährt, sich furchtbar anstrengt und zu dem man überhaupt keine Lust hat. Hat eine Mutter Spaß daran, sich mit anderen Frauen und deren Kindern zu treffen, dann sind Pekip, Babymassage, Babyschwimmen oder Singkreise eine super Sache. Aber auch nur dann. Kein Kind lernt später laufen, spechen oder schreiben oder entwickelt eine weniger innige Beziehung zu seinen Eltern, weil es nicht nackig in einem aufgeheizten Raum über den Boden gerollt ist. Bei einem normal entwickelten Kind ist jede Form von liebevoller Förderung im Alltag sinnvoll, die ohne Stress und großen Aufwand betrieben werden kann. Singen, Fingerspiele, Bücher anschauen oder Schaukeln sind fördernd, müssen aber auch nicht wie Hausaufgaben absolviert werden. Einfach entspannt, dann wenn es eben passt, eingebunden in den Alltag.

 

Wie kann ich zu Hause am besten fördern?
Ich denke, wir Supermütter müssen uns garnicht so viele Sorgen und Gedanken um die Förderfrage machen, solange wir unsere Kinder lieben. Wer liebt, unterstützt sein Kind automatisch in der Entwicklung, davon bin ich überzeugt. Und dann sind es oft die kleinen Dinge, die Kinder brauchen: Mal raus aus dem Kinderwagen und ein paar Schritte an der Hand laufen, auch wenn es länger dauert. Aus dem eigenen Becher trinken lassen, auch wenn dann was verschüttet wird. Solche Dinge sind viel wichtiger als das ausgefeilte Nachmittagsförderprogramm. Die renommierte Erziehungsexpertin und Buchautorin Xenia Frenkel, die ich sehr schätze, schreibt in der Titelgeschichte der aktuellen ELTERN zum Thema „Wie viel Nähe brauchen Babys?“, dass Wärme und Körperkontakt die Zutaten sind für eine liebevolle Erziehung. Und auf die liebevolle Erziehung kommt es an, nicht darauf, ob das Kind besonders schnell kapiert hat, wo die Nase ist und wo der Bauch und was das Zebra vom Pferd unterscheidet.

 

Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Dass wir unter einem unglaublichen Druck stehen und ständig Angst haben, etwas falsch zu machen. Vor allem wir Mütter, weil wir stärker im Fokus der Kritik stehen als die Väter. Ungerecht, denn wir leisten so viel. Aber wir neigen auch selbst dazu, uns ständig zu  vergleichen mit den Nachbarn, den Freundinnen, den perfekten Frauen aus den Magazinen. Wir bewerten und werden bewertet. Das erzeugt Stress. Ich versuche im Alltag nicht so viel zu den Anderen zu schielen. Mehr bei mir zu bleiben und damit bei den Bedürfnissen meiner Familie. Ich frage mich also: Was tut speziell mir, meinem Mann und meinem Kind gut und nicht: wie machen es eigentlich die anderen, fördern die mehr?

 

Für wen ist das Buch gedacht?
Ich habe das Buch für alle Mütter geschrieben, die in den Stillpausen, in einer kurzen Sofaeinheit nach dem Job oder abends vor dem Einschlafen noch Lust haben auf ein paar entspannende, informative und entstressende Gedanken zum Thema Familie. Die einzelnen Kapitel sind bewusst kurz, es wechseln sich Experteninterviews ab mit Erfahrungsberichten von Eltern und witzigen Glossen, aber auch ein Psychotest zum ankreuzen, ein Märchen von der Königin der Perfektion und ein Brief von einem Kind an seine Mama sind vorhanden. Mein Buch soll einfach Spaß machen
.
Wie ist das, wenn ich 2,3 oder 4 Kinder habe? Muss ich die alle fördern, oder fördern die sich selber?
Man kann einfach irgendwann nicht noch mehr Fördern. Es gibt auch da ein Limit. In meinem vorletzten Kapitel, „Mut zur Lücke … beim Familienleben mit kleinen Kindern“, erzählt eine Drillingsmutter von ihrem Alltag. Drei Einjährige und eine Dreijährige toben bei Julia Gottschalk zu Hause herum. Sie sagt, dass sie eigentlich nicht der Typ ist, der das Fingernägelschneiden der Kinder oder den Abwasch nach hinten verschiebt, aber nach der Geburt der Drillinge hat sie schnell kapiert, dass sie ihre hohen Ansprüche herunterfahren muss. Beim Mittagessen gibt es jetzt auch Fingerfood, also gekochtes Gemüse, das sich die Kleinen selbst in den Mund stopfen können. Gestillt hat sie schon bald nicht mehr, weil sich das einfach koordinatorisch nicht machen ließ. Sie sagt: „Hätten stillfreudige Freundinnen deshalb gemeckert, es wäre mir egal gewesen. Jede Mutter muss selbst entscheiden, wo sie ihre Kraft lässt.“ Das seh ich genauso.

Wie lernen Kinder am besten?
Die Mischung machts:  Sie lernen von uns Eltern, aber auch von Geschwistern, Oma und Opa, Patentanten und Erziehern in der Kita. Wo sie vermutlich am wenigstens lernen: auf dem Sofa vor der Glotze.

 

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3 comments

  1. Unter dem Aspekt der Gleichberechtigung … Hier habe ich einen ziemlichen Verriss dieses Buches gefunden:
    http://dasnuf.de/kurzrezension-mut-zur-luecke-liebe-eltern/

    Nur mal so, als kleinen Einwand.

    LG

    • einerschreitimmer

      Hi Rike! Hast du das Buch denn gelesen? Also ich finde die Kritik eigentlich nicht fundiert und objektiv. Man sollte nie genervt ein Buch rezensieren. 😉

  2. Hach – ich liebe es, wenn mal Entspannung in diese Thematik gebracht wird. Mein hasenbub ist fast 5 und wir machen: NIX! Wir spielen, toben, werden draussen dreckig, treffen uns mit seinen Freunden, etc.
    Nix mit Englisch für 4 jahrige, Joga, etc.
    Macht aber nix. Und uns tuts gut!
    Danke für die Vorstellung dieses Buchs… kommt auf meine Leseliste!

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Einst kaufte sich Anne ohne mit einer Wimper zu zucken Stilettos um 150 Euro. Dann wurde sie Mutter. Von Zwillingen. Eines ihrer Kinder schreit immer...
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