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Scheidung: „Und plötzlich ist alles auf Anfang“ (Gastbeitrag)

Beziehungen scheitern nicht. Sie enden. Wie ein gutes Buch, das einfach irgendwann aus ist, auch wenn die Seiten voll schöner Worte und Momente waren. Beziehungen enden, wie ein Urlaub, der zwar entspannend war, aber irgendwann einfach vorbei ist. Beziehungen enden, wie eine gute Flasche Wein, die einfach irgendwann ausgetrunken ist. Heute haben wir einen Gastbeitrag von Anna. Sie und ihr ehemaliger Partner sind geschieden. Das war natürlich alles gar nicht so einfach… Wie genau Anna, ihre Tochter und Annas Exmann das erlebt haben, das schreibt sie heute…

 
Statistisch betrachtet ist es sehr wahrscheinlich. Und trotzdem geht man nicht davon aus, dass man zu den 50 Prozent jener Ehepaar gehört, die geschieden werden. Man gehört zu den anderen. Zu denen, bei denen es heißt: Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Das ist der Plan, so muss es sein.
 
Umso schmerzhafter ist dann die Erkenntnis, dass es nicht so sein muss. Nach langem Nicht-Wahrhaben-Wollen gesteht man sich irgendwann ein: Das hat keinen Sinn mehr. Bei mir war es ein Tropfen, der das schon zum Dauerzustand gewordene Gefühl von „Wir gehen nicht mehr in die gleiche Richtung“ schließlich zu dem Satz „Wir sollten uns trennen“ werden ließ. Und auch wenn es kein großes Drama gab, kein Geschrei und keine Wut, sondern fast etwas wie Erleichterung, war da auch viel Traurigkeit. Wir haben viele schöne Jahre miteinander verbracht und gemeinsam das Beste geschaffen, was uns wohl in unserem Leben gelungen ist und gelingen wird: unsere Tochter.

Unsere Tochter

Für sie war diese Entscheidung, die für uns Erwachsenen ein logischer Schritt war, natürlich völlig unverständlich. Wir haben all die Sätze gesagt, die in so einer Situation empfohlen werden. „Papa und Mama haben sich nicht mehr lieb, wir haben dich aber immer lieb.“ Unzählige Male fragte sie „Warum?“, aber keine Erklärung beantwortete ihr, warum ihre Welt auseinanderbrach. Erst Monate später sagte mir eine Freundin den allerwichtigsten Satz, den Kinder in dieser Situation hören müssen: „Es ist nicht deine Schuld.“ War es auch ganz und gar nicht, aber Kinder müssen manches ganz deutich ausgesprochen hören, was für uns Erwachsene selbstverständlich ist. 
 
Und Erklärungsbedarf gab es in den ersten Monaten mehr als ich zwischendurch aushielt. Vor allem, als unser – sehr vernünftig austariertes – System der Aufteilung nicht funktionierte. Der Grund war ein großer Vertrauensbruch von ihm, aber wie der Fünfjährigen erklären, dass sie ihren Vater jetzt eine Zeitlang nicht sehen kann? Ich hatte mir geschworen, nicht schlecht über ihn zu sprechen. Aber wie ihr begreiflich machen, dass es Siuationen gibt, in denen der Kontakt für sie nicht gut ist, ohne zu sagen, warum?
 

Erklären, ablenken, aushalten. Mehr geht nicht.  

 
Für mich hieß es seit der Trennung vor allem: funktionieren. Alles alleine stemmen, alles regeln, den Alltag allein bewältigen, die Kosten und vor allem die Verantwortung alleine tragen. Im Job funktionieren, denn diesen zu verlieren hätte das ohnehin brüchige Konstrukt, das nun mein Leben war, komplett zum Einsturz gebracht. Und über all dem das Gefühl: Alles anders, alles auf Anfang… 
 

Mühsam bis ärgerlich waren viele Kommentare, die ich mir anhören konnte. 

„Warum habt ihr euch getrennt? Mein Mann und ich streiten auch manchmal.“ – Ja, danke. Ich habe mich natürlich nur getrennt, weil ich nicht wusste, dass manchmal streiten ganz normal ist. Hätte mir das nur früher jemand gesagt. Menschen fällt gar nicht auf, wie abwertend das ist und dass bei so einer Aussage der Vorwurf mitschwingt, man hätte es sich zu leicht gemacht und nicht wirklich bemüht. 
 
„Hatte er eine Andere? Hast du einen Anderen?“ – Ja, danke. Wir leben in einer Seifenoper, die einzig logische Variante ist, dass jemand fremdgegangen ist. Und es freut mich natürlich ganz besonders, dass meine Trennung eine schöne Gelegenheit für dich ist ein bisschen zu gossipen. 
 
„Hast du schon jemand Neuen?“ – Ja, danke.  Meine Welt hat sich einmal auf den Kopf gestellt, dreimal um die eigenen Achse gedreht und mich zerzaust und verwundet zurückgelassen, aber ich habe natürlich nichts anderes im Sinn, als mir einen Neuen zu angeln! Und als berufstätige alleinerziehende Mutter gibt es ja nichts einfacheres, als ein paar Aufrisse zu machen. 
 
„Jetzt hast du ja viel kinderfreie Zeit/Wochenenden – genieß es!“– Ja, danke. Das Kind wegfahren zu sehen, ist natürlich ganz einfach und überhaupt nicht schmerzhaft. Und die freie Zeit ist natürlich ganz und gar nicht überfordernd, sondern ach so toll. Vor allem, wenn der gesamte Freundeskreis aus Pärchen und glücklichen Familien besteht. Zeit für mich – klingt gut, musste ich aber tatsächlich wieder lernen.
 

Es gab aber auch viele positive Erlebnisse

Freundschaften, die sich vertieft haben, Menschen, die die richtigen Worte fanden, Freunde, bei denen ich mich einfach ausheulen und auskotzen konnte. Wenig überraschend waren das vor allem jene, die selbst eine Trennung durchgemacht hatten. Es ist wie so oft: Wie sich etwas anfühlt und wie sehr sich das Leben ändert, das weiß nur jemand, der das auch selbst erlebt hat. 
 
Nun sind Trennung und Scheidung schon eine ganze Weile her. Alles ist geklärt und geregelt, die Papazeiten klappen, wir haben eine gute Gesprächsbasis. Die schwankt zwar manchmal etwas, aber das gehört wohl dazu. Und bestärkt mich darin, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Daran habe ich mittlerweile gar keinen Zweifel mehr. Betrauert habe ich vor allem die gemeinsame Zeit. Sehr ausführlich betrauert sogar. Aber wie da so ist: Die Zeit heilt alle Wunden, und was war, ist eine teilweise sogar schöne Erinnerung geworden. 
 
Die Fragen unserer Tochter wurden immer weniger, mittlerweile scheint sie sich in der neuen Situation gefunden zu haben. Ganz unbelastet erzählt sie manchmal etwas und fügt dann, um den Zeithorizont deutlich zu machen, hinzu:  „Das war, als Papa noch bei uns gewohnt hat.“ Eine Feststellung, kein Vorwurf, auch keine Wehmut ist herauszuhören.

Alleinerziehend: Eine ewiger Spagat

Noch immer ist es anstrengend den Alltag allein zu managen. Was am meisten fehlt: Die eine Person, die sich für dieses Familienleben ganz genauso interessiert, wie man selbst, weil es auch für ihn das wichtigste und einzige Leben ist. Die Person, mit der man den Alltag teilt, mit der man über die Details des Alltags genauso lange und intensiv reden kann, wie über die großen Sorgen, die beide beschäftigen. 
 
Ich wollte nicht glauben, was mir ein Freund kurz nach der Trennung sagte: Es wird leichter. Unvorstellbar schien mir das. Mittlerweile weiß ich, er hatte recht. Es wird ohnehin nicht wieder so, wie es war. Darauf braucht man nicht zu hoffen. Aber es wird leichter.
 

Alles anders. Alles auf Anfang. 

 
 
 

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Einst kaufte sich Anne ohne mit einer Wimper zu zucken Stilettos um 150 Euro. Dann wurde sie Mutter. Von Zwillingen. Eines ihrer Kinder schreit immer...

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7 comments

  1. Hallo liebes einerschreitimmer-Team!

    Den Beitrag über Scheidung mit Kind fand ich sehr toll geschrieben. Denn ich mache dies derzeit auch durch – nur dass unsere Söhne (10, 7, 7) nicht mit mir gehen durften als ich meinen Mann verlassen habe.

    Was mir immer wieder auffällt, es gibt für Mamas, die ihre Familie verlassen haben, kaum Verständnis in der heutigen Zeit. Man wird immer von irgendjemand als ‚egoistisch‘, ‚Rabenmutter‘, hingestellt. Doch kaum einer fragt, was die Gründe dafür waren. Es wird meistens demjenigen geglaubt, bei dem die Kinder dann leben.

    Ende Januar 2018 habe ich mich getrennt, lebe seitdem in einer neuen Partnerschaft und sehe meine Jungs seit August 2018 alle 14 Tage. Davor war ich der Willkür meines Noch-Mannes ausgesetzt und durfte die Kinder nur 1x wöchentlich für 2 bis 3 Stunden sehen. Und dass auch nur außerhalb unseres gemeinsamen Hauses.

    Ihr glaubt gar nicht, wie schmerzhaft es ist, wenn die Jungs an den Wochenenden sagen, dass sie bei mir und meinem Lebensgefährten bleiben wollen.

    Über einen Bericht über Mamas wie mich, würde ich toll finden. Vielleicht würde das auch mal bewusst machen, dass auch von Kindern getrennte Mamas gar nicht egoistisch sind und leiden ohne Ende.

  2. Hallo,

    ich bin mit Julia total einverstanden, es ist ein sehr gut geschriebe Beitrag, ich hoffe es wird noch ein paar ähnliche kommen in der Zukunft, hat mir echt gefallen!

    LG

    G.

  3. Negative Gefühle auszublenden klingt ja sehr vernünftig! Die Tipps kommen zu Nutzen bei meiner Freundin, die sich vor ihrem Mann scheitern ließ. Vom Herzen hoffe ich, dass alles nur der Anfang vom Neuen ist.

  4. Eine Scheidung mit Kindern ist nie einfach. Wichtig finde ich Ihren Gedanken, dass man den Kindern erklären sollte, dass es nicht ihre Schuld ist. Meine Bekannte ist gerade in der gleichen Situation ud ich hoffe, dass dieser Beitrag sie gut unterstützen kann.

  5. Eine Arbeitskollegin wird sich demnächst von ihrem Mann scheiden lassen. Die beiden haben leider auch einen gemeinsamen Sohn und einen Hund. Ich denke es ist total wichtig, dass man dem Kind und dem Hund zu verstehen gibt, dass es nicht ihre Schuld ist und dass beide immer noch von beiden Elternteilen geliebt werden.

  6. Gut zu wissen, dass Kinder hören müssen, dass sie nicht daran Schuld sind. Bei mir und meinem Mann geht es nun auch auseinander und wir sorgen uns um den Kleinen. Mit Ihren Tipps und einem Fachanwalt für Familienrecht sollte es aber gut klappen.

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