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Einer dicker, einer dünner? Manchmal ist das eben so...

Ganz schön vermessen – wie wir Kinder in Statistiken pressen

Statistiken sind etwas Wunderbares: Im Vatikan leben aktuell pro Quadratkilometer vier Päpste, eine Frau kauft im Laufe ihres Lebens im Schnitt 111 Handtaschen und jeder Deutsche – vom Säugling bis zum Greis – trinkt jährlich 107 Liter Bier. 

Das Beste an Statistiken ist: Man kann vergleichen und optimieren, man kann evaluieren und manipulieren. Man kann Statistiken richtig und auch falsch auslegen. Und man kann damit vor allem eines: Menschen mit einem durchschnittlichen Hausverstand überdurchschnittlich verrückt machen. Eine kleine Anekdote:

Ich fuhr neulich mit meinem Nachwuchs (laut Statistik sind das 1,4 Kinder) in unserer Familienkutsche (laut Statistik ein silberner VW Golf) zum Kinderarzt zur Routineuntersuchung. Als verantwortungsbewusste Mutter muss man die Termine wahrnehmen, auch wenn man die Sinnhaftigkeit jedes Mal wieder hinterfragt. Denn statistisch gesehen behandelt ein Facharzt 41 Patienten pro Tag – bei einem achtstündigen Arbeitstag nimmt er sich also 11,5 Minuten Zeit pro Kind. Aber egal – das muss ja im Einzelfall nicht so nicht so sein, wir reden ja immerhin nur von einem Durchschnittswert.

Meine 1,4 Zwillinge wurden also vom Arzt vorschriftsgemäß gewogen und gemessen. Und alle Daten wurden fein säuberlich in eine Tabelle eingetragen. Erfahrene Mütter wissen, es geht um die berühmte Perzentile. Schließlich sollten die Kinder ihre gelernten Zirkustricks vorführen, im Mediziner-Latein nennt man das U-Untersuchung oder Entwicklungskontrolle. Während der Kinderarzt die Stirn runzelte und rechnete, dachte ich an ein paar Statistiken, die ich kürzlich gelesen hatte: 23 Prozent aller Fotokopiererschäden werden von Leuten erzeugt, die ihren Hintern kopieren wollen. Ich dachte daran, dass laut Statistik ein Millionär und ein armer Kerl jeder eine halbe Million Euro besitzen. Und dann hatte ich noch eine Studie einer Versicherung im Hinterkopf, nach der in Deutschland jedes Jahr mehr Leute durch Behandlungsfehler im Krankenhaus sterben, als Menschen im Straßenverkehr.

Doch während ich so still vor mich hin sinnierte, schaute unser  Kinderarzt in Tabellen und zeichnete Kurven. Schließlich kam ein tiefes Seufzen und ein ernster und mahnender Blick: „Zwilling 1 ist laut Statistik zu klein!“, sagte er sorgenvoll und fügte noch hinzu: „Und Zwilling 2 ist zu groß.“

Perzentilen sind eben nur Durschnittswerte

Na bumm. Die Bombe war geplatzt. Ich war wirklich völlig unbeeindruckt, was man vermutlich an meinem Gesicht sehen konnte. Denn statistisch gesehen sind meine Zwillinge zusammen ja dann absoluter Durchschnitt – das beruhigte mich immens. Außerdem muss man bedenken, dass meine Kinder zweieiige Zwillinge sind. Sie sind demnach genetisch nicht ident, sondern  ganz normale Geschwister, die zufällig am gleichen Tag Geburtstag feiern. Und dann kommt noch hinzu, dass Zwilling 1 im ersten Jahr oft krank war und generell ein wenig hinterher hinkt. Ich dachte dann auch noch leise in mich hinein: „Wer will in unserer heutigen Gesellschaft, in der Individualität und stetige Veränderung das Credo sind, denn überhaupt zum Durchschnitt gehören?“

Meine völlige Gelassenheit, sollte aber bald ein jähes Ende finden. Das war an jenem Punkt, als der Kinderarzt meinte: „Das muss man weiter beobachten, denn erwachsene Männer sollten über 1,65 Meter und unter 1,95 Meter groß sein. Man kann im Ernstfall im Kindesalter von vier Jahren Hormone spritzen.“

Da wars dann aber Schluss mit meiner stoischen Gelassenheit. Mit rotem Kopf ich sagte nur knapp: „Ich glaube nur noch zu 5 Prozent Prozent an Statistiken, zu 90 Prozent aber meinem gesunden Hausverstand und in 5 Prozent aller Fälle verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl. Nach Abwägung all dieser Faktoren kann ich ihnen heute klipp und klar sagen, dass meine Kinder zu 100 Prozent so groß werden dürfen, wie die Natur es eben vorsieht!“

Wir lernen:

Im Zweifelsfall, das ist bekannt,
gewinnt doch Mutters-Hausverstand.

Mit freundlicher Genehmigung
der Zeitschrift „ELTERN“ PRINT,
wo dieser Text im Original erschien.

 

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About einerschreitimmer

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6 comments

  1. Spricht mir total aus der Seele! Als ich mit meinen Zwillingsmädels bei der U7 war, kam nur ein mahnender Blick samt Kommentar, dass Z1 zu schwer sei – man müsse jetzt aufpassen, sonst sei sie bei Schulbeginn dick. Und Z2 ist das Gegenteil und ein wenig dünn – beide waren schon bei der Geburt ziemlich unterschiedlich, was das Gewicht angeht…So ist das eben bei zweieiigen Zwillis.

    • einerschreitimmer

      Unglaublich. Erst heißt es man solle Zwillinge nie vergleichen und dann das? Ich verstehe manche Ärzte echt nicht..

  2. Lustig. Bei uns ist es eher das Gegenteil.
    Mein Sohn ist schon seit Geburt relativ dünn und wanderte dann im Laufe der ersten Monate unter die unterste Perzentile.
    Meine Familie machte mich deshalb total verrückt… Und tut es immernoch.
    Mein Sohn ist jetzt 1 1/2 Jahre, immernoch unter der untersten Perzentile und mein Kinderarzt meint dazu nur:
    „Ihr Kind wäre vor 10 Jahren noch vollkommen im Durchschnitt gewesen.
    Aber die Kinder werden ja immer dicker… Aber das ist ja nicht die Schuld Ihres Sohnes :-)“
    Also völlig entspannt. Krass, dass eure Ärzte da so einen Aufstand wegen machen…

    LG Franzi

    • einerschreitimmer

      Oh – das ist ja auch mal ein spannender Ansatz, dass sich diese Perzentilen im Laufe der Jahre verändern…. Höchst interessant und logisch. Aber daran habe ich nohc nie gedacht. Muss das mal recherchieren! DANKE!

  3. Oh ja, ich stimme Dir zu und sage danke fürs Aufschreiben! Wie häufig habe ich schon von befreundeten Müttern gehört, der Kinderarzt hätte gesagt, das Kind sei zu groß oder eben zu klein. Das löst so viele Sorgen aus, die in 98% der Fälle nicht hätten sein müssen – um mal bei gefühlter Statistik zu bleiben.
    Liebe Grüße, Svenja

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