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GASTBEITRAG: Eine Frühgeburt ist nichts für Weicheier…

Es ist ein Routinekontrolltermin beim Gyn. Bei 26 + irgendwas. Es ist  kurz nach Silvester. Das neue Jahr soll fulimant werden: Wir haben das Babyzimmer bereits fixfertig ausgemalt. Die Erstausstattung ist  bereit. Und eigentlich wollen wir uns noch gemütlich auf die Ankunft der Zwillinge vorbereiten. Bauch streicheln. Schöne Geschichten lesen. Zukunft ausmalen. Kurzum: Einstimmen auf das Leben zu viert. Gemütlich.

Doch dann sagt der Gyn plötzlich: „Ui – der Muttermund ist weich. Sie sollten ins Krankenhaus schauen.

Ich: „Wann?“
Er: „Sofort.“
Und so sitze ich auch schon diretissima im Taxi Richtung Spital. Was mich erwartet weiß ich nicht…

Dort geht alles ziemlich schnell. Ultraschall und schon hänge ich an der Tokolyse – dem Wehenhemmer. Höchste Dosis. Als ich später über die Nebenwirkungen der Tokolyse lese, wird mir dezent schlecht. Aber das sagt man jetzt natürlich nicht. Die Ärzte geben mir die Lungenreife. „Nur zur Sicherheit.“ Und bevor ich mich umschauen kann, liege ich im Bett im Vierbettzimmer mit lauter anderen Schwangeren, die strenge Bettruhe verschrieben bekommen haben. Das heißt: Wir urinieren abwechselnd in Schüsseln. Besuch ist so gut wie immer da. Und wenn ich kacken will, muss ich das ankündigen, damit der Besuch das Zimmer verlässt. SUPERBINGO! Dass ich keine Zusatzversicherung habe, ärgert mich im Moment wirklich sehr.

Ich liege. Ich rede eigentlich wenig mit den anderen. Ich kann kaum reden. Bin mit mir selbst beschäftigt. Bei einer in meinem Zimmer ist die Fruchtblase geplatzt. Da sich das Fruchtwasser aber immer erneuert kann es noch länger dauern, bis das Kind kommt. Manche Frauen liegen anscheinend wochenlang, ehe nach der geplatzen Fruchtblase das Kind zur Welt kommt. Ich kann diese  Geschichten nicht hören. Ich lese. Und lese. Und höre Musik. Kein Raum für schlechte Gedanken. Das Ziel: SSW 32. Der Gebärmutterhals ist bei 1,2 Zentimeter. „Das ist gut“, sagt man mir. In manchen Fällen würde er sich auch wieder verlängern. Davon gehe ich fix aus, denn ich werde es hier definitiv keine sechs Wochen hier aushalten – da liege ich sonst in der Klapse – egal wie.

Untersuchungen gibt’s eigentlich wenige. Dafür täglich ein CTG. Bei Zwillingen ist das immer eine Herausforderung, bis man beide Kinder hört. Ich bekomme Antibiotika um einer Infektion vorzubeugen.  „Am besten man tut da gar nicht viel herum – das sollte man gar nicht anfassen“, sagt ein Arzt. Er hat vermutlich recht. Je mehr man sich bewegt, je mehr Aktionen von Außen kommen, desto schlechter, desto mehr Druck, desto eher eine Infektion. Ich traue mich kaum aufs Klo zu gehen. Habe Angst die Kinder rauszudrücken. Ich esse wenig. Und wenn, dann nur Weiches, damit ich nicht drücken muss… Ich trinke literweise Obstsaft.

Die Tage vergehen. Schleppend. Die nervliche Anspannung ist enorm. Ich wechsle das Zimmer. Zu viert geht das nicht. Man kann nicht schlafen. Oder sich ablenken. Vor allem der viele Besuch der anderen geht mir auf die Nerven. 0 Privatsphäre. Nicht mal bei der Notdurft. Es ist erniedrigend. Ich überlege aus privater Tasche aufzuzahlen um ein 2-Bett-Zimmer mit Fernseher zu bekommen. Es würde 500 Euro pro Tag kosten. Das kann ich mir nicht leisten, immerhin weiß ich nicht wie lange ich hier noch liege….

Besuch kommt. Besucht geht. Die Tage sind endlos. Der Gebärmutterhals verkürzt sich. Trichterbildung. Ich werde hier wohl nicht vorzeitig rauskommen. Das wird mir bewusst. Man fragt mich ob ich mir die Frühchenstation anschauen möchte. Verstehe den Vorschlag eigentlich nicht ganz und lehne es deshalb auch ab. Frühstück, Mittagessen, CTG, Abendessen. Und das jeden Tag. Wir sind mittlerweile in SSW 29. Der Gebärmutterhals ist bei 3 mm. Jeder Tag zählt. Jeder Tag im Bauch erspart den Kindern drei Tage auf der Intensivstation. Aber es soll noch blöder kommen: Prolaps.

Eines der Kinder tritt immer fest nach unten. Wir sind bei 29 + 3. Ich sage zu dem Kind: „Bitte! Hör auf zu treten.“ Er tritt gegen meine Blase. Ich spüre jeden der Tritte. Und bete. „Tu das nicht! Bitte! Ich gebe hier mein Bestes und du musst das auch!“

Und plötzlich platzt die Blase.

Ein riesiger Schwall Fruchtwasser platscht auf Bett und Boden. Ich klingle nach der Schwester. Keine AHnung ob es wirklich so lange dauert bis sie kommt, oder ob es sich nur so anfühlt. ES IST EWIG. Der Besuch meiner Zimmerkollegin verlässt nicht das Zimmer. Ich schreie ihn hysterisch an: „HOLEN SIE ENDLICH WEN!“ Dass das Fruchtwasser ist, da brauchen wir nicht zu diskutieren. Es ist endlos viel. Es tropft. Es tropft. Es hört nich auf.

Ich komme in den Kreisssaal. Es ist 16 Uhr. Was macht man dort? „Die Ärzte werden entscheiden was los ist.“ Ich rufe meinen Mann an. 20 Mal. Erwische ihn nicht. Aber meine Mutter. Ich habe Angst. Große Angst. Was ist jetzt los? „Notkaiserschnitt!“. Wann haben Sie zuletzt gegessen? Mittags. „OK. Vollnarkose. Schnell. Jetzt. Die Beine von einem der Kinder sind schon draußen.“ Ich habe plötzlich Wehen. „Narkose! Jetzt!“ Mein Mann ist plötzlich da. Meine Mutter hat ihn offensichtlich erreicht. Ich fahre zitternd in den OP. Alles schwarz.

Ich wache auf. Niemand da. Plötzlich eine Gestalt da: „Wie geht es den Kindern?“ „Den Umständen entsprechend.“ „Haben sie Haare?“ Irgendwie sind Haare für mich das Zeichen, dass sie reif sind. Dass sie gesund sind, dass es keine Probleme geben wird.. Keine Ahnung warum ich das denke. „Ich weiß es nicht“, sagt die Person im Aufwachraum. „Wo ist mein Mann?“ „Ich weiß es nicht, wir haben ihn in die Cafeteria geschickt.“ „Verdammt! Rufen Sie ihn an. SOFORT!“ Schmerzen habe ich keine. Man gibt mir die guten Drogen. Mein Mann kommt. „Hast du die Kinder gesehen?“ „Ja, kurz.“ „Und?“ Er: „Klein.“ „Haben sie Haare?“ „Ich weiß es nicht. Es war so kurz. Viele Schläuche.“

Es ist 20 Uhr. Mein Mann und ich sind in einem Zimmer. Meine Mutter kommt. Was mit den Kindern ist, wissen wir nicht. „Sie werden untersucht und sind im Brutkasten.“ Ich bekomme ein Foto von den beiden in die Hand gedrückt. Kleine Aliens. Kaum Mensch. Sie haben Haare…. Man gibt mich in einen Rollstuhl und bringt mich auf die Neonatologie. Es ist dunkel. Es geht schnell. Ich sehe einen Kasten aber kein Kind. Aber ich habe ja das Foto.

24 Uhr. Ich bin zurück im 4 Bettzimmer. Mein Mann fährt nach Hause. Ich bin totmüde.

2 Uhr. Die Schwester weckt mich. Ich soll Milch abpumpen. Ich bin müde. Unglaublich müde. Ich pumpe.

Nächster Tag: Man führt mich runter zu den Kindern. Viel sieht man immer noch nicht von ihnen. Viele Schläuche. Eigenartige Geräte. Wenig Mensch, viel Technik. „Die nächsten Stunden sind kritisch. Was sein wird, wird sich zeigen.“ Ich muss hier weg. Noch ein Tag. Dann verlasse ich das Krankenhaus. Ohne Bauch. Ohne Kinder. Mit Milchpumpe und zwei Fotos. Ich kann kaum gehen, schlafe im Erdgeschoss, weil ich nicht in den ersten Stock gehen kann.

Die Kinder? Sie haben Haare – das ist jetzt erst mal das Wichtigste…

__________

Danke an Zwillingsmama Emma für diesen sehr persönlichen Gastbeitrag. Ihre Kinder sind nach vielen Startschwierigkeiten gesund. Dafür ist sie sehr dankbar. Emma möchte anonym bleiben und hat sich in diesem Text am heutigen Weltfrüchentag die Seele frei geschrieben.

Mehr zum Thema:

Wie man mit einer Frühgeburt umgeht, ohne im Gedankenkarusell zu kreisen.

Liebe Frühchenamamas – wie geht es euch?

Kaiserschnitt: Mehr als eine Narbe bleibt zurück

 

5 comments

  1. Danke für diesen ehrlichen und ungeschminkten Beitrag. Habe mich in vielem wiedergefunden und es fühlt sich gut an, nicht die einzige mit solchen Erlebnissen und Gefühlen zu sein… Auch, wenn man das natürlich eigentlich auch so weiß…

  2. Ich als Frühchen-Mama einer Tochter (29+0) habe höchsten Respekt vor dir und deinen Worten.

    Ich habe gelesen und sofort mit dir gefühlt.

    Momentan bin ich wieder schwanger und hoffe sehr diesmal länger schwanger zu sein. Angst habe ich trotzdem. Große Angst.
    Bitte bitte keine Wiederholung.

    Wir Frühchen-Mamas können sehr sehr stolz auf uns sein.

    Vielen Dank für deinen Bericht und alles Liebe & Gute für euch.

  3. Danke für diesen Beitrag. Es tut gut zu wissen, mit ähnlich Gedanken und Erlebnissen nicht allein zu sein.

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