Wenn Zwillinge (nicht) sprechen wollen: 11 Fakten und 3 Tipps von der Logopädin

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Und wie viele Wörter spricht dein Kind schon? Es gibt kaum eine Mutter, der nicht irgendwann von Familie und Freunden diese Frage gestellt wird. Unsicherheit macht sich dann oft breit. Gerade bei Zwillingen, die eine „Geheimsprache“ miteinander entwickelt haben und partout nicht sprechen wollen. Wir haben die Logopädinnen Martina Neumayer-Tinhof (seit über 20 Jahren in freier Praxis tätig und hat auch schon häufig Zwillingskinder in ihrer Sprachentwicklung unterstützt/therapiert) und Bianca Happenhofer-Bileck (arbeitet seit 14 Jahren mit Kindern in freier Praxis logopädisch) zum Interview gebeten und Spannendes erfahren. Beide Expertinnen sind seit vielen Jahren im Berufsverband der österreichischen Logopädinnen und Logopäden, logopädieaustria, engagiert.

Zwillinge entwickeln manchmal eine Geheimsprache miteinander.

1) Unterscheidet sich die Sprachentwicklung von Zwillingen zur Sprachentwicklung von Einlingen?

Die kindliche Sprachentwicklung ist ein vielschichtiger und hochkomplexer Prozess bei welchem das Kind unterschiedliche Kompetenzen erwerben muss. Bereits im Säuglingsalter werden Kinder aufgrund der gesprochenen Sprachen zu Expertinnen für Sprachen die in ihrem Alltag wichtig sind. Zur Sprachentwicklung oder deren spezifischen Abweichungen von Zwillingen gibt es keine uns bekannten Studien. Im Wesentlichen unterscheidet sich die Sprachentwicklung von Zwillingen nicht von der Entwicklung anderer Kinder. Bei Mehrlingsschwangerschaften/-geburten kommt es durchaus zu einem höheren medizinischen Risiko, das sich entsprechend auf alle Entwicklungsbereiche der Kinder auswirken kann.

2) Warum ist es so?

Aufgrund der Komplexität der an der Sprachentwicklung beteiligten Faktoren sind geeignete, aussagekräftige Studiendesigns, die diese Fragestellung beantworten könnten nur sehr schwer möglich. Einzelne Faktoren davon sind möglicherweise wissenschaftlich erforscht.

3) Ab wann sollte man sich Hilfe holen?

Eltern von Kindern mit einer verzögerten oder nicht altersentsprechenden Sprachentwicklung können sich schon sehr früh Hilfe holen und eine Logopäd_in aufsuchen. Ab dem zweiten Geburtstag sollte ein Kind mit einer adäquaten Sprachentwicklung bereits um die 50 Wörter aktiv sprechen. Ab dem dritten Geburtstag können Kinder bereits kurze (3-Wort-) Sätze sprechen und ab dem vierten Geburtstag sprechen Kinder wie kleine Erwachsene. Sie können Begründungen verbalisieren, Fragen stellen, ihre Bedürfnisse ausdrücken und aktiv mit der Familie kommunizieren. Sobald sich Eltern oder auch das nähere Umfeld Sorgen machen, ist es immer gut, sich an Expert_innen zu wenden und deren Meinung/Fachexpertise einzuholen. Kinder, die Schwierigkeiten in der Nahrungsaufnahme zeigen, sollten ehestmöglich zur/zum Logopäd_in.

4) Können diese Rückstände aufgeholt werden?

Oberstes Ziel unserer Arbeit ist es, die Kinder gezielt nach ihrem individuellen Bedarf dahingehend zu unterstützen, die Entwicklungsverzögerung aufzuholen. Ob dies gelingt, hängt von vielen Faktoren ab, ist grundsätzlich mit mehr oder weniger Aufwand möglich. Die logopädische Therapie startet mit einer gezielten Anamnese und Diagnostik. Das bedeutet mit einer Abklärung ob und welche Teilbereiche der Sprache eventuell verzögert sind. Auffälligkeiten können sich in der Wortschatz- und Satzentwicklung (Grammatik) zeigen, das Sprachverständnis betreffen oder auch die Aussprache. Es können alle Teilbereiche gleichermaßen betroffen sein oder nur einzelne Bereiche.

5) Was tun, wenn die Kinder eine „Geheimsprache“ entwickelt haben?

Die im Volksmund bezeichnete „Geheimsprache“, ist vielmehr eine Lautmalerei, ein melodisch- kommunikativer Wechsel, der als „Spiel“ der Kinder untereinander betrachtet werden soll. Die Bedeutung der Malereien wird durch Mimik, Gestik und der entsprechenden Intonation “verstanden”. Ganz allgemein fehlt Kindern mit einer verzögerten oder gestörten Sprachentwicklung meist das Wissen darüber, dass Sprache eigentlich eine Bedeutung hat und Auswirkungen auf die Umwelt. Wenn ein Kind ein Bedürfnis ausdrückt, dann folgt daraufhin eine Reaktion des Gegenübers. Auch hier ist das oberste Ziel Kommunikation als mächtiges Instrument zu erkennen und den Kindern spielerisch diese Macht der Sprache näherzubringen.

6) Hat Corona (#Masken) die Sprachentwicklung bei Kindern verändert?

Corona beziehungsweise die Masken haben in unseren Praxen keinen großen Einfluss auf die Kinder bzw. deren Entwicklung. Sie kennen die Masken von ihren Eltern, es ist kein Problem wenn wir in der Therapie die Maske tragen. Manchmal, wenn es um die Artikulation geht oder das genaue Hinhören, um Laute identifizieren, differenzieren zu können, kann es notwendig sein die Maske abzunehmen. Da die Sprachentwicklung größtenteils im Alltag des Kindes stattfindet und dort die Masken nicht getragen werden sehen wir keine negative Auswirkung auf die Sprachentwicklung.  Die Kinder sind durch die Masken im HNO-Bereich weniger infektanfällig, ebenso reduzieren sich allergische Reaktionen. Dies wirkt sich förderlich auf die Hörverarbeitung aus, als wesentliche Voraussetzung für eine gesunde Sprachentwicklung.

7) Wirkt sich das später auch beim Erlernen von Fremdsprachen aus?

Voraussetzung für einen Fremdsprachenerwerb ist die „Beheimatung“ in der Muttersprache. Jede Sprache hat ihre Struktur, ihre Grammatik. Dieses intuitive „Wissen“ kann dann entsprechend übertragen werden, wenn es entwickelt wurde.

 

8) Habe ich als Mutter/ Vater etwas falsch gemacht?

Das Einzige, was man als Eltern falsch machen kann ist nicht zu fragen, sich nicht zum Wohl des Kindes Hilfe zu holen, wenn die Kinder „anders“ sind. Eltern sollten hellhörig sein, ihren Intuitionen vertrauen. Wenn Ihnen etwas fraglich vorkommt sollen sie sich vertrauensvoll an ihre_n Kinderärzt_in wenden. Wir können unterstützen, therapieren, fördern, begleiten, Rat geben. Wenig Medien, viel Kontakt zu anderen Kindern, viele sinnvolle Spielmöglichkeiten und eine rechtzeitig startende Therapie unterstützen die Kinder bei Bedarf in ihrer verzögerten oder gestörten Entwicklung.

9) Was ist der Unterschied zwischen einer Sprachverzögerung und einer 
Sprachstörung?

Grundsätzlich sprechen wir von einer Verzögerung, wenn die Entwicklungsschritte nicht mehr als sechs Monate zeitverzögert auftreten. Bei Frühgeborenen ist der Zeitpunkt des errechneten Geburtstermins relevant. Von der Norm abweichende Entwicklungsschritte oder längere Verzögerungen werden als  Sprachentwicklungsstörung bezeichnet.

10) Gibt es genetisch bedingte Sprachprobleme, die bei eineiigen Zwillingen gehäuft auftreten?

Wie dazu die Studienlage aussieht, wissen wir nicht. Die klinische Expertise zeigt, dass dies nicht häufiger auftritt.

11) Treten diese Probleme bei Buben häufiger auf als bei Mädchen?

Buben sind häufiger betroffen als Mädchen, unabhängig ob bei Zwillingen oder Einlingen.

 

Einfache Tipps für den Alltag:

  • Schalten Sie als Eltern ihr Handy ab, den Fernseher und das Radio aus, legen Sie Tablets und Computerspiele außer Reichweite und sprechen sie mit ihrem Kind. „Quality Time“ bedeutet ungestört kommunizieren zu können. Mit einem Kind eine ungestörte Unterhaltung aufrechtzuerhalten, gemeinsam tätig zu sein Spiele zu spielen, sich zu verkleiden, zu verstecken ……ohne dass ein Handyklingeln die Kommunikation unterbricht ist eine ganz wertvolle und unbedingt notwendige Erfahrung für Kinder. Gerade bei sprachverzögerten Kindern gilt es zu vermeiden, dass sie ständig aus Gesprächen herausgerissen werden. Der Blickkontakt und die Konzentration auf unser Gegenüber reißt ab. Kinder sollten nicht so mit Sprache und Kommunikation aufwachsen. Kindern muss im Rahmen eines Gespräches volle Aufmerksamkeit geschenkt werden damit sie lernen, dass es von Bedeutung ist was sie uns zu sagen haben.
  • Ein weiterer Tipp für Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung ist es sprachanregende Spiele zu spielen. Bei älteren Kindern eignen sich auch Brettspiele (aber natürlich auch Rollenspiele). Spiele bei denen auch gewartet werden muss: ich bin dran – du bist dran. Genauso wie in der Kommunikation: ich spreche, du wartest – dann sprichst du und ich warte. Das Warten müssen viele Kinder erst mühevoll erlernen. Sie sind gewohnt, dass alles schnell geht, alles schnell zu bekommen ist und das Warten (in einem Wartezimmer, im Auto,…) wird heutzutage oft mit einem Handy oder einem Tablet überbrückt. Wichtig für die Entwicklung ist, dass die Kinder sich auch mal ein bisschen langweilen und das Warten aushalten können. Bei jungen Kindern sind Lieder, Kniereiter, Fingerspiele…alles was zig mal in der gleichen sprachlichen Form wiederholt werden kann besonders förderlich. Aufmerksamkeit, Freude, Spaß, Zuwendung…..sind wichtige Voraussetzungen, um eine gute Sprachentwicklung durchlaufen zu können.
    5 Spieltipps:
    Papperlapapp (ab 3 Jahren) (*Affiliate)
    Die freche Sprech-Hexe (ab 4 Jahren)
    Der verdrehte Sprach-Zoo (ab 4 Jahren)
    Activity (ab 4 Jahren)
    Sprechdachs (ab 5 Jahren)
  • Als dritten Tipp möchten wir das Vorlesen erwähnen. Das ist kein neuer Tipp aber ein ganz wertvoller. Kinder lieben es, wenn Geschichten immer und immer wieder neu erzählt werden. Sie lieben es, in die Geschichten einzutauchen. Es müssen nicht viele Bücher sein, aber auch hier unterstützt die stetige Wiederholung Kinder dabei eine gute Satzstruktur, eine gute Grammatik kennenzulernen. Und es ist wertvolle Zeit zusammen. Wenn Kinder dies ablehnen, kann es ein Zeichen dafür sein, dass sie nicht ausreichend verstehen. Ein Bereich der Sprachentwicklung, der im Alltag oft lange nicht auffällt, weil die Kinder Kompensationsmechanismen entwickeln und sich an Gesten, Mimik, anderen Personen….orientieren, wenn Sprache nicht ausreichend verstanden werden kann.

Wer schreibt hier eigentlich?

Vier Kinder, zwei Katzen, ein Mann: Das Leben in der Grazer Vorstadt ist für PR-Profi Barbara nie langweilig. Wenn sie nicht als Mama-Taxi ihre Kinder von A nach B kutschiert, plant sie Reisen und Wanderrouten. Sie liebt Bücher und findet manchmal sogar Zeit eines zu lesen. 

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2 comments

  1. Sehr allgemein formulierte Hinweise in Bezug auf Sprachentwicklung! Als Logopädin lese ich keine genauen Hinweise heraus, die für Zwillinge und deren Umfeld nützlicher sein sollten als für andere Kinder mit Sprach- und Sprechthemen. Punkt 6 ist gewagt formuliert, zeigen sich die Studienlage und die Erfahrung in der praktischen Arbeit ( in der logopädischen Therapie usw.) ja doch ganz anders!!

  2. Daniela Cremes

    Hallo, ich benötige ganz dringend Hilfe, da meine Kinder keine 50 Wörter können ( 2 Jahre alt).
    Meine KA will keine Logo verordnen, obwohl 2 Krankenhäuser das empfohlen haben.

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