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Hilfe! Unser Kind ist hochbegabt! Eine Mutter erzählt aus dem Alltag…

Jaja, Hochbegabung ist immer für einen kleinen Lacher gut, aber wisst ihr, wer nicht immer darüber lachen kann? Eltern von hochbegabten Kindern…

Dass ich diesen Text anonym verfasse, sagt vielleicht schon viel über die Außenwirkung unseres „Problems“ aus. Mein Sohn ist hochbegabt und was das für unseren Alltag bedeutet, würde ich euch gerne näher bringen, aber fangen wir vorne an.

Unser Sohn ist für Außenstehende ein ganz normaler Junge, vielleicht manchmal mit einer etwas zu großen Klappe. Uns war lange nicht bewusst, dass er anders „tickt“ als andere Kinder, einfach deshalb, weil er unser erstes Kind ist und wir im Freundeskreis und in der Familie keine gleichaltrigen Kinder zum Vergleich haben. Wir haben uns also nichts dabei gedacht, als unser Sohn mit ca. vier Monaten robbte, Stühle schob und entdeckt hatte, wie man im Maxi Cosi wippen kann. Als er mit sechs Monaten das Prinzip der Motorikschleife erkannt hat, habe ich stolz ein Video gemacht, fand das aber eher niedlich als außergewöhnlich. Mit einem Jahr konnte er laufen und in kurzen Sätzen sprechen, er hat tatsächlich nie in Babysprache geredet, sondern immer sehr deutlich und grammatisch korrekt. Sobald er sprechen konnte, begann bei ihm die Warum-Phase, die ehrlich gesagt bis heute anhält, denn er interessiert sich für alles in seiner Umgebung und findet alles spannend und erforschenswert. Hin und wieder bemerkten Freunde und Bekannte, dass unser Sohn „schon clever“ sei und der Kinderarzt nannte ihn „erstaunlich“, aber erst im Kindergarten wurde uns wirklich bewusst, dass unser Kind anders ist als andere.

Hochbegabung im Kindergarten

Mit 2,5 Jahren kam unser Sohn in den Kindergarten und er war so stolz und von allem begeistert. Diese Begeisterung hielt genau ein halbes Jahr und dann fingen die großen Probleme an.

Jeder Morgen wurde ein Kampf, er wollte beim besten Willen auf gar keinen Fall in den Kindergarten, er wäre nun laut eigener Aussage „fertig damit“. Er hätte schon alles durchgespielt und wollte nun nicht mehr dahin, Punkt Ende. Es flossen nicht nur bei ihm bittere Tränen, denn er sträubte sich mit aller Kraft dagegen aus dem Haus zu müssen, dass es wirklich jeden Tag in regelrechte Machtkämpfe ausartete. Auch dies hielten wir für eine Phase, waren sehr angestrengt, aber nicht beunruhigt. Bis uns eines Tages eine Erzieherin fragte, wie wir Zuhause mit seinem Aggressionen umgingen und wie sie Zugang zu unserem Kind bekommen könnte, er würde nämlich jegliche Aktivität im Kindergarten entweder ignorieren, stören oder gar andere Kinder tätlich angehen. Sogar ein Stuhl war in einem immensen Wutausbruch quer durch den Gruppenraum geflogen.

Wir waren schockiert und konnten uns das nicht erklären, denn Zuhause hatte er natürlich immer mal wieder bockige Momente, aber so eine Aggression kannten wir von ihm gar nicht. Ab da versuchten wir mit ihm an diesem Problem zu arbeiten. Er selbst, inzwischen drei Jahre alt, sagte immer wieder, dass er im Kindergarten so viel Wut im Bauch hätte und diese dann einfach aus ihm heraus platzen würde. Er weinte viel und sagte es täte ihm leid, aber er könnte es nicht unter Kontrolle halten.

Hochbegabung: Ausgleich Sport!?!

Als erstes versuchten wir ihm einen körperlichen Ausgleich zu bieten und meldeten ihn zum Kinderturnen an. In der ersten Stunde bauten wir dort anhand einer Zeichnung einen kleinen Parcours auf, den die Kinder dann erklettern durften. Mein Sohn war eifrig bei der Sache, baute, schleppte und war sichtlich stolz als das Gebilde dann stand. Er kletterte hoch, bewältigte den Parcour ohne Probleme und fragte dann „Und nun?“ Auf die Antwort, dass wir jetzt noch ganz oft über die aufgebauten Sportgeräte klettern durften kam nur ein irritierter Blick. „Das habe ich schon mal, ich warte dann hier so lange“. Er ließ sich nicht dazu bewegen die Übungen zu wiederholten (einmal reicht) und in der folgenden Woche bekam er bei der Ankündigung, dass wir wieder zum Kinderturnen wollten, eine regelrechte Panikattacke, woraufhin ich uns wieder abmeldete.

Hochbegabung: Unser Weg zu diversen Anlaufstellen

Unsere nächste Anlaufstelle war eine Familienberatung, da die Angriffe unseres Sohnes auf seine Kindergartenfreunde immer ausgeprägter wurden. Er schlug, biss und zerstörte wo er nur konnte, wenn er so einen „Anfall“ hatte. Er nahm nicht am Morgenkreis teil, fand seine Erzieherinnen blöd und bis auf zwei Freunde wollte er mit niemandem aus der Gruppe Kontakt haben. Die Familienberaterin war die erste, die uns sagte, dass sein Verhalten wahrscheinlich aufgrund von Frustration ausgelöst wurde und er im Kindergarten keinen Mehrwert für sich sehen würde. Sie schlug uns vor mit ihm zur Ergotherapie zu gehen oder alternativ einen Test zur Begabungsdiagnostik anzustreben. Wir machten also einen Termin bei einer Ergotherapeutin, die uns nach dem Kennenlernen recht schnell mitteilte, unseren Sohn nicht zu behandeln. Laut ihrer Aussage sei unser Sohn nicht zu therapieren, denn seine Ausfälle wären nicht das Problem, sondern nur ein Symptom seiner Unzufriedenheit. Sie legte uns nun dringend ans Herz ihn bei einer psychologischen Beratungsstelle vorzustellen und ihn auf eine mögliche Hochbegabung testen zu lassen.

Diagnose Hochbegabung

„Hochbegabung“ war für uns zu diesem Zeitpunkt ein rotes Tuch, denn wir hielten es eher für eine Modeerscheinung übermotivierter Eltern, als einen potentiellen Auslöser für sein Problem. Wir schmunzelten häufig über Eltern deren Kinder ja so furchtbar hochbegabt waren, dass sie kaum geradeaus schauen konnten. Hochbegabung scheint für viele eine Ausrede dafür, wenn die Kinder nicht besonders sozialkompetent sind, etwas nicht so gut können oder einfach als Möglichkeit vor anderen Eltern anzugeben. Als wir uns entschlossen diesen Test durchführen zu lassen, sagten wir uns: „Damit dieses Thema endlich vom Tisch ist.“

Eine Woche nach seinem fünften Geburtstag wurde unser Kind eingehend psychologisch untersucht und nahm an einem seinem Alter angepassten Intelligenztest teil. Zwei Wochen später bekamen wir das Ergebnis: mit einem IQ von 133 war unser Sohn genau das, was man „hochbegabt“ nennt und somit so schlau, wie nur 2% der Weltbevölkerung. Nach dieser Botschaft folgte aber sogleich der nächste Hammer als uns mitgeteilt wurde, dass unser Sohn die ersten Züge einer starken Depression zeigen würde.

Hochbegabung – was ist das nun wirklich?

Meine Vorstellung eines hochbegabten Kindes war ziemlich schlicht. Ein sehr schlaues Kind, ein kleiner Klugscheißer, der schon im Windelalter lesen und schreiben konnte und später in der Schule eine Klasse nach der anderen überspringen konnte.

Doch so einfach ist es leider nicht. In der Begabungsdiagnostik unterscheidet man verschiedene Arten von Begabungen. Die allgemeine Intelligenz, die als Denk- und Lernfähigkeit verstanden werden kann. Die musisch-künstlerische Begabung, mit der Kinder besonders leicht ein Instrument lernen, Malen oder Theater spielen können. Die sensumotorische Begabung, bei der es auf Geschicklichkeit ankommt, etwa beim Sport. Die soziale Begabung, also die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen und emphatisch zu sein. Hochbegabte Kinder haben häufig mehrere dieser Begabungen, wobei sich allerdings nur die allgemeine Intelligenz in den gängigen Tests darstellen lässt. Intelligenz, also die Fähigkeit zu Denken, zu Planen und Probleme zu erkennen und zu lösen ist eine angeborene Gabe, die nicht zu verwechseln ist mit angelerntem Wissen.

Die Mehrzahl der Kinder hat einen IQ zwischen 85 und 115 Punkten, alles darüber hinaus gilt als begabt, über 130 sogar als hochbegabt. Diese „Ü130“ macht schätzungsweise 2% der Bevölkerung aus und hat bei genauem Hinsehen starke Auswirkungen auf den Alltag.

Wie erkenne ich ein hochbegabtes Kind?

Vorab: Sichere Hinweise auf eine mögliche Begabung/Hochbegabung bei Kleinkindern gibt es nicht, jedoch berichten viele Eltern, deren Kinder später als besonders begabt getestet wurden von Auffälligkeiten ab dem Säuglingsalter.

Eine Vielzahl der Eltern berichtet, dass die Kinder bereit im ersten Lebensjahr mit extrem wenig Schlaf auskämen. Nach ein paar Stunden sei das Kind bereits ausgeruht wieder hellwach und interessiert. Die Fähigkeit, sich mental extrem schnell wieder zu regenerieren, behalten die viele „HBs“ ein Leben lang.

Viele der Kinder entwickeln früh komplexe Denkansprüche und beschäftigen sich mit nicht-alterstypischen Themen wie dem Tod, Religion oder Politik. Sie orientieren sich gerne an älteren Kindern oder Erwachsenen, da sie hier die Möglichkeit sehen, selbst Wissen dazu zu gewinnen.

Die Fähigkeit sich durch Sprache auszudrücken ist bei hochbegabten Kindern stark ausgeprägt, sei es durch besonders frühes Sprechen oder einen bemerkenswerten Wortschatz.

Rechnen und Lesen als Indiz für Hochbegabung?

Fälschlicherweise werden frühes Lesen und Rechnen als Indiz für eine besonders hohe Intelligenz angesehen, was aber nicht unbedingt der Fall sein muss. Lesen, Schreiben und Rechnen sind angelernte Fähigkeiten, die je nach Interesse des Kindes früher oder später interessant werden können. Nicht jedes hochbegabte Kind liest früh oder gut und nicht jedes früh lesende Kind ist hochbegabt. Auch Schulnoten sind keine sichere Quelle um eine besondere Intelligenz zu zeigen, denn sie zeigen nicht, mit welchem Aufwand sie erzielt wurden. Auch können Kinder mit Migrationshintergrund aufgrund fehlender Sprachkenntnisse hinter ihrer eigentlichen Kapazität zurück bleiben oder schüchterne Kinder halten sich zurück und zeigen in der Schule nicht was sie können.

Wichtig ist zu wissen, dass Hochbegabung ganz unabhängig von dem Bildungsstand der Eltern auftritt, da es sich um eine angeborene Fähigkeit handelt und nicht um erlerntes Wissen. Kinder aus Akademikerfamilien sind genauso häufig besonders begabt (oder eben nicht) wie Kinder aus Familien sogenannter bildungsferner Schichten.

Grundsätzlich empfehlen die Experten ein Kind im Vergleich mit einer passenden Gruppe, also beispielsweise einer Kindergartengruppe, einer Sportmannschaft oder einer Klasse zu beobachten und dann „im Zweifel für den Angeklagten“ durch adäquate Stellen testen zu lassen. Stellt sich dann aufgrund eines Tests heraus, dass ein Kind nicht hochbegabt ist, hat es weder für Kind noch Eltern negative Auswirkungen. Wird eine Hochbegabung jedoch nicht erkannt, kann dies zu großen Schwierigkeiten führen.

Wie sehen hochbegabte Kinder die Welt?

Tatsächlich ist es so, dass HB-Kinder häufig merken, dass sie „anders“ sind, dies aber nicht einordnen können. Sie verstehen Spiele im Kindergarten schneller, sie bauen die kreativsten Lego-Tiere und denken sich selbst neue Herausforderungen aus, wenn ihnen langweilig wird. Im Gegensatz dazu ist es für sie unverständlich, dass andere Kinder eben dazu NICHT in der Lage sind, da Kinder erst ab dem Grundschulalter lernen, sich in andere hinein zu versetzen. Ein Kind, welches ein Spiel nicht versteht ist also, böse formuliert, ein Hindernis für ein HB-Kind. Ein Kindergartenfreund, der noch nicht so gut sprechen kann wird schnell uninteressant, da man mit ihm zusammen nicht alle Möglichkeiten des Spiels ausschöpfen kann.

Die meisten hochbegabten Kinder sind außerordentlich wissbegierig und möchten jede Chance nutzen ihre Talente auszuleben. Hindert man sie daran oder gibt ihnen zu wenig Input stellt sich schnell eine Frustration ein, die bis hin zu einer Depression führen kann.

Stellen wir uns mal vor, wir sind auf einem Jahrmarkt, um uns herum die tollsten Leckereien und Fahrgeschäfte, es ist bunt, voller Musik und duftet herrlich. Nun kommt jemand, setzt uns in eine dunkle Ecke und gibt uns ein fades Toastbrot. Wir wissen, was für tolle Dinge nur ein paar Meter weiter auf uns warten, aber man lässt uns nicht hin. Wären wir frustriert? Ganz sicher.

Ungefähr so fühlt sich ein Kind, das nicht seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert wird. Immer und immer wieder ein einfaches Spiel zu wiederholen, etwas zu basteln, was total einfach ist oder bewusst von interessanten Aufgaben fern gehalten zu werden („Das ist noch nichts für dich“) kann Frust, Aggression oder im schlimmsten Falle Resignation hervorrufen.

Hochbegabung: Für uns war sein Verhalten normal

Im Nachhinein gab es beim normalen Spiel einige Dinge, die unseren Sohn von anderen Kindern unterschied, die wir aber nicht als Indikator für eine Hochbegabung erkannt hätten. Mit zwei Jahren liebte er es zu puzzeln, es durften auch gerne schwierige Motive mit bis zu hundert Teilen sein, die er in Rekordzeit zusammensetzte. Dafür nahm er nicht die Teile und drehte und schob sie auf der Vorlage hin und her, er schaute auf das Bild, dann auf das Teil und legte es direkt auf den richtigen Platz. Seine größte Passion ist das Bauen mit Legosteinen, was er ebenfalls früh für sich entdeckte und womit er sich bis auch heute noch stundenlang beschäftigen kann. Für den Zusammenbau hat er mit ca. drei Jahren hin und wieder die Anleitung verwendet, konnte anspruchsvolle Fahrzeuge aber auch anhand der Abbildung auf der Umverpackung konstruieren. Übrigens gibt es von Lego auch spezielle Sets für besonders logikbegeisterte Kinder, wie zum Beispiel programmierbare Fahrzeuge oder Roboter*.


Muss ich ein hochbegabtes Kind fördern und fordern?

Ja und nein. Eltern von hochbegabten Kindern sollten das Verhalten ihres Kindes sehr genau beobachten und auch mit dem Kind selbst Wünsche besprechen. Erscheint ein Kind besonders clever, besteht schnell die Gefahr, dass Eltern aus Übereifer oder falscher Motivation das Kind überfordern und dadurch einen negativen Effekt erzielen. Grundsätzlich gilt die Formel „Leistung = Fähigkeit + Motivation“. Die Motivation ist der schwierigste Punkt in der Welt der Hochbegabung, denn zu hoher Druck oder aber zu geringer Anspruch kann die Lernfreude eines Kindes gänzlich zunichte machen.

Hochbegabte Underachiever

Sogenannte „Underachiever“ sind hochbegabte Kinder, die weit hinter ihren Möglichkeiten zurück bleiben. Es gibt Jungen und Mädchen mit einem sehr hohen IQ, die trotzdem große Probleme in der Schule haben, Klassen wiederholen müssen oder gar die Schulform wechseln. Der Hauptgrund für „Underachievment“ ist die fehlende Motivation (häufig auch zu Beginn der Pubertät) oder aber die Unfähigkeit des Kindes zu lernen. Das Lernen zu erlernen fällt vielen Kindern und Jugendlichen schwer, denn sie mussten es im vorschulischen Alltag nicht. Ein Problem wurde erkannt, Lösungsansätze erdacht und meistens schnell gelöst. Steht das Kind nun aber vor einer Aufgabe, für die es sich sehr anstrengen muss, sinkt die Motivation, denn eine geistige Anstrengung sind sie häufig nicht gewohnt.

Als Beispiel haben wir hier Zuhause häufig das Thema Malen. Im Kindergarten ist mein Sohn nur am Maltisch zu finden, wenn dort etwas zu basteln oder zu experimentieren liegt. Er malte von Anfang an keine Bilder und hatte Probleme sich die Namen der Farben zu merken. Der Hintergrund war uns lange nicht klar, aber inzwischen wissen wir, dass er a) keinen Nutzen im Erstellen eines Bildes sieht und b) seine eigenen Fähigkeiten dahingehend sehr gut einschätzen kann. Der Anspruch unseres Sohnes wäre es, einen Baum mit strukturierter Rinde, vielen Ästen und einzelnen Blättern zu malen. Ein einfacher Strich mit einer kreisförmigen Baumkrone ist kein richtiger Baum, das Bild wäre also einfach „Krikelkrakel“. Genauso verhält es sich mit den Farben. Das Gras schlicht als „grün“ zu bezeichnen ist nicht korrekt, denn es besteht aus diversen Nuancen von grün, braun und gelb.

Die Interessen eines hochbegabten Kindes können auch einfach außerhalb des Schulstoffes angesiedelt sein, zum Beispiel im Sport, in der Musik oder in komplexen naturwissenschaftlichen Themen. Wichtig ist, mit dem Kind gemeinsam Stärken und Schwächen herauszufinden und es gemäß seiner Interessen zu fördern und zu fordern.

Sollte man ein hochbegabtes Kind früher einschulen?

Auch hier gibt es keine allgemeingültige Antwort. Die Schulfähigkeit hat nicht nur mit der Intelligenz des Kindes zu tun, sondern auch mit emotionaler Reife und der individuellen Persönlichkeit. Mehr noch als Lesen und Rechnen zu lernen, muss ein Kind sich in der Schule lernen zu organisieren, zu konzentrieren und auch mit Frustration umzugehen. Gerade bei Kindern, die sich ihrer Fähigkeiten bewusst sind, kommt es häufig zu Frustration, wenn etwas dann doch nicht so gut klappt wie gewünscht, weil es halt gerade nicht seinem persönlichen Interessenschwerpunkt entspricht. Unser Kinderarzt hat sogar die Körpergröße unseres Sohnes als Indikator für bzw. gegen eine verfrühte Einschulung verwendet, denn körperlich kleinere Kinder fallen den Mitschülern eher als außergewöhnlich jung auf und könnten damit ungewollt in eine Außenseiterrolle fallen. Die Phrase „Lass das Kind doch noch spielen, die Schule kommt noch früh genug“ hören wir ständig und es ist auch genau richtig, jedoch kann ein weiteres Jahr Kindergarten bei hochbegabten Kindern vielleicht eher einen negativen als einen positiven Effekt haben.

Wir haben in unserem Fall beschlossen unseren Sohn ein Jahr früher einzuschulen, haben dafür aber den Kindergarten und die Psychologin, die den IQ-Test durchgeführt hat zu Rate gezogen. Besonders im Gedächtnis wird mir immer bleiben, wie ich meinen Sohn nach dem Test in die Arme schließen konnte. Die Testung wurde an einer Universität durchgeführt, durch die er mit strahlenden Augen und offenem Mund neben uns her schritt und vor Begeisterung Tränen in den Augen hatte. Der Test selbst enthielt viele knifflige Aufgaben in den Bereichen Logik, Verständnis, Sprache und Gedächtnis und hat ihm so viel Freude gemacht, dass er uns im Anschluss vor Freude bebend in die Arme sprang und fragte, ob er jetzt öfter hierher kommen dürfe. Da seine Interessen neben den Naturwissenschaften (speziell Tiere und physikalische Phänomene) auch im Lesen und Rechnen liegen, lag es für uns auf der Hand ihm dies zu ermöglichen und ihn in der Schule lernen zu lassen. Mit nun fünf Jahren liest er kurze Sätze und rechnet sicher in allen vier Grundrechenarten bis 20, darüber hinaus noch etwas holprig aber sehr motiviert.

Hochbegabung im Familienalltag

Abgesehen von Kindergarten und Schule stehen HB-Kinder auch im Familien- und Freundeskreis vor individuellen Herausforderungen. Oft werden sie als kleine „Klugscheißer“ angesehen, da es ihnen Freude macht Wissen zu erlangen als auch zu präsentieren. Dies kommt bei Kindern gleichen Alters als auch bei Erwachsenen manchmal nicht so gut an. Als wir mit unserem Sohn einen Tierpark besuchten, stürmte ein kleines Mädchen an uns vorbei und rief „Schau mal Mama, ganz viele Rehe!“ Mein Sohn schaute sie nur von der Seite an und meinte „Entschuldige, da muss ich dich korrigieren. Das ist Damwild.“ Diese beiden werden ganz sicher keine dicken Freunde (wobei ich selbst den Unterschied zwischen Reh und Damwild googlen musste…). Viele HB-Kinder haben einen eher kleinen Freundeskreis, der oft aus älteren Kindern oder ähnlich begabten Kindern besteht.

Als Elternteil ist es manchmal, schwierig mit den speziellen Interessen des Kindes umzugehen oder sie überhaupt zu erkennen. Die Tochter einer Freundin hat sich beispielsweise mit fünf Jahren selbst das Lesen beigebracht, indem sie sich die Buchstaben bei der älteren Schwester erfragte und die Wörter dann selbst zusammensetzte. Dass ihre Tochter lesen konnte, fiel der Familie erst auf, als die Tochter während einer Autofahrt fragte, ob die Mama nicht langsamer fahren könne, sie könnte die Straßenschilder nicht so schnell erkennen. Es stellte sich heraus, dass die Tochter sicher und fließend lesen konnte, es aber als nicht besonders empfand und deshalb darüber nicht sprach.

Hochbegabte Kinder, vor allem diejenigen mit dem Interessenschwerpunkt Logik legen großen Wert auf Regeln, Ordnung und feste Abläufe. So schön es auch ist, dass das Zimmer meines Sohnes immer penibel aufgeräumt ist, so schwierig ist es auch ihm eine Überraschung bereiten zu wollen, denn diese findet er überhaupt nicht gut. Spontane Ausflüge oder Änderungen im Tagesplan führen ganz schnell zu richtig mieser Stimmung.

Die Interessen meines Sohnes liegen hauptsächlich in Bereichen, wo er ganz für sich ist vor sich hin tüffteln und brüten kann. Ihn ins Familiengeschehen mit einzubeziehen fällt mir manchmal schwer, denn ich muss etwas finden, was ihm Spaß macht und auch die anderen Familienmitglieder nicht ausschließt. Häufig spielen wir Strategie– oder Logikspiele, die ihm entgegen kommen und auch für seine Geschwister zu schaffen sind.

A

Besonders schwierig wird es, wenn ein Kind sich seiner „Andersartigkeit“ bewusst wird und diese gar ablehnt. Bei einem Treffen mit Eltern hochbegabter Kinder lernte ich einen 12jährigen Jungen kennen, der die Nase voll hatte vom klug sein. Er sah sich selbst als Außenseiter, hatte wenige soziale Kontakte wünschte sich von Herzen, einfach mal wie die anderen sein zu können. Mit einem IQ von über 140 wurde er gerne „kleiner Sheldon“ genannt, was ihn natürlich massiv störte. Nicht jedes Kind fällt durch seine Begabung auf, doch diejenigen, bei denen es offensichtlich ist oder die es durch ihr Verhalten oder ihre Ausdrucksweise zeigen, sind manchmal unsicher und schämen sich zum Teil auch dafür. Das Selbstbewusstsein zu stärken ist für Eltern nicht immer leicht und erfordert viel Fingerspitzengefühl.

Wo kann ich mich zur Hochbegabung informieren?

Besteht die Vermutung, dass ein Kind hochbegabt sein könnte, sollte es durch eine qualifizierte Stelle getestet werden. Informationen dazu gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für das Hochbegabte Kind (www.dghk.de) oder der Vereinigung Mensa Kids & Juniors e.V. (www.kids.mensa.de) und bei psychologischen Beratungsstellen. Informationsmaterial bieten zum Teil auch Kindergärten und Schulen an, sowie niedergelassene Kinderpsychologen und Ergotherapeuten. In Österreich gibt es Testungen und Beratungen bei er Stiftung Talente und bei Mensa Österreich.

Fachliteratur für Interessierte gibt es hier:


Hochbegabung – Segen oder Fluch?

So wie es für manche ein Segen ist, so ist es für manche besonders schwierig mit diesem Thema umzugehen. Für uns selbst kann ich sagen, ist es eine besondere Herausforderung, der wir uns aber gerne stellen. Wir sind uns bewusst, dass unser Sohn besonders ist, aber in keiner Weise besser oder schlechter als irgendein anderes Kind und es ist uns wichtig, ihm dies auch zu vermitteln. Mit 5 Jahren ist er noch nicht in der Lage selbst zu erfassen, worin seine Andersartigkeit liegt und wir haben ihm auch noch nicht erzählt was eine Hochbegabung ist und das er möglicherweise andere Fähigkeiten hat als andere. Für die Zukunft wünschen wir uns, dass unser Sohn vor allem eins wird: nämlich glücklich.

Dieser Text stammt von einer Mutter, deren Kind hochbegabt ist. Sie hat sich eingehend mit dem Thema beschäftigt. Wenn ihr Fragen habt, stellen wir euch gerne den Kontakt zur Familie her.

 

* Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Inhalte dieses Blogs sind kostenlos. Sie sind nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert. Manchmal bauen wir Amazon-Affiliate-Links in unsere Artikel ein. Wenn du über diese Links ein Produkt erwirbst, zahlst du nicht mehr, aber „Einer schreit immer“ erhält eine kleine Kommission von Amazon. Du hilfst uns dabei, die Produktion von Inhalten, die Grafik sowie das Webhosting des Blogs zu finanzieren. Danke!

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8 comments

  1. Musste gerade so Lachen. Habe 2 Stück von HB zuhause. Ist leider sehr anstrengend. Jedem Kind gerecht zu werden. Ich bin sehr stolz das sie HB sind. Ich bin lenasthenika. Hatte immer angst das sie auch welche werden. Schaue aber auch das sie keinen Höhenflug bekommen. Oder meinen Sie sind was besseres als die anderen. Einvorteil hat es das lernen ist nicht so intensiv wie bei anderen. LG

  2. In diesem Fall ist die HB früh aufgefallen, weil das Kind die Unterforderung durch Aggressivität g gezeigt hat.

    Unsere Tochter ist auch HB. Bei ihr wurde die HB sehr spät erkannt. Für uns war sie normal. Sie umgab sich nur mit Kindern, die so waren wie sie. Zu andern Kindern fand sie keinen Zugang. Warum fiel sie nicht auf? Auch auf Nachfragen im Kindergarten oder Schule? Sie passte sich an. Sie war ruhig. Im Kindergarten malte sie fast zwei Jahre durchgängig, beteiligte sich nicht an Spielen der anderen Kinder. „Das ist normal. Du als Mutter bist das Problem.“ In der Schule bringt sie gute bis sehr gute Leistungen, stört nicht. Ein Traum für alle Lehrer, die wir bis jetzt hatten. Aber zu Hause darf ich ausgleichen.

    Mein Kind wünscht sich mit einem IQ von 145 einfach nur normal zu sein. Auf die Frage, was das ist, antwortet sie: „Wie die anderen Kinder. Nicht auffallen.“ Mein Herz blutet, wenn sie wieder einmal so traurig aus der Schule kommt. Sie findet keine Freunde, da sie ein Streber ist…

    Ich wünsche mir, dass gerade in der Schule mehr für diese Kinder und deren Integration getan wird. Wir wechseln jetzt die Schule und hoffen, dass sie in der neuen Schule eine echte Chance auf Freundschaften bekommt.

    • einerschreitimmer

      Liebe Mel!
      Es ist immer schwierig, wenn man anders ist. Aber sei stolz auf dich und deine Tochter und viel Glück auf der neuen Schule!
      LG

  3. Oh ja, das kommt mir alles, als selbst Betroffene und Mutter von 4 HB Kindern, sehr bekannt vor. Leider ist die Schule auch keine Hilfe, dabei sollten doch auch solche Kinder aufgefangen und gefordert werden.

    Leicht verzweifelte Grüße
    Jazz

  4. Liebe Autorin, danke für diese wunderbare Fassung, da bin ich voll bei Ihnen …ich habe zwei HB, Zwillinge, Frühchen, seit kurzem haben beide auch noch eine Asperger-Autismus-Diagnose. Inzwischen sind sie 17. Ich bin seit 15 Jahren mit ihnen alleinerziehend und selbst als Lehrerin tätig. Ich empfinde HB mehr als Fluch, meine Kinder wünschten sich auch, sie wären normaler und hätten Freunde. Aber, sie finden keine, denn das was sie suchen ist gleichzeitig für sie laut und anstrengend. Oder die anderen Jugendlichen sind tödlichste langweilig. Und ich? Ich bekomme manchmal gesagt, ein Frühstück mit mir gemeinsam sei nicht „ergiebig“ …und ich halte mich durchaus nicht für langweilig …aber eine morgendliche Konservation über Rachmaninow und explodierende Sterne im All, ja, puuuh, anstrengend …ich liebe sie dennoch so wie sie sind, besonders, erfrischend ehrlich , dennoch liebenswürdig …LG Uta

  5. Ich war genauso und eines meiner Kinder ist genau wie der Junge im Beitrag. IQ mit vier Jahren: 133 und mit sechs Jahren 138. Die Zahlen sagen nicht viel aus. Mein Sohn ist hoch sensibel, anstrengend und neigt zu Depressionen. Ich wünsche ihm eine normale Kindheit….

  6. Hallo liebe Mutter,
    du/ ihr seid nicht allein, ich habe gerade deinen Beitrag gelesen. und hab ein lachendes und ein weinendes Auge gehabt .Mein erstgeborener ist jetzt 6 j im winter 7 daher wird er jetzt erst eingeschult .
    Im Februar bekamen wir bescheid HB sehr ähnlicher verlauf ,Puzzeln, Lego,viele „Anfälle“ sehr anstrengend. Wir stehen noch sehr am Anfang und sind sehr belastet durch noch andere aufgaben … und ich habe jeden tag das Gefühl ihm nicht gerecht zu werden. würde mich sehr freuen über Kontakt,zwecks Austausch .lg Tanja

  7. Für mich ein wunderbarer Blog! Mit einer Tochter die jetzt 12 ist und immer schon „anders“ war ist erst jetzt die Diagnose Hochbegabung in den Mittelpunkt gerückt. Vorher war von Sonderschule über vernachlässigtes Kind einer Alleinerziehenden (ich lach mich schief) bis zu super mathematisch-naturwissenschaftlich begabt alles drin.
    Resultat kommt morgen… ich freu mich drauf!
    Auf alle Fälle eine Herausforderung, die ich gerne annehme …egal was drin steht… Hauptsache, das Kind kommt nicht zu schaden!

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Einst kaufte sich Anne ohne mit einer Wimper zu zucken Stilettos um 150 Euro. Dann wurde sie Mutter. Von Zwillingen. Eines ihrer Kinder schreit immer...
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