Der deutsche Hirnhorscher Gerald Hüther im Interview.

Gerald Hüther: „Lasst doch die Kinder bis zum 10. Lebensjahr im Kindergarten!“

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Professor Gerald Hüther ist einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands. Einen Namen hat er sich dadurch gemacht, dass er über die Wissenschaft und deren Anwendung auf das alltägliche Leben referiert und Bestseller schreibt. Sein Ziel: menschliche Potenziale zur Entfaltung zu bringen und das nicht nur im Bereich Erziehung. Bei seinem einzigen Vortrag in Österreich in diesem Jahr hat er „Einer schreit immer“ ein Interview gegeben.

Ihr neues Buch heißt:  „Was schenken wir unseren Kindern*“. Was ist aber das schönste Geschenk, das Sie je bekommen haben?

Ich denke, dass viele diese Frage ähnlich beantworten werden wie ich. Es war nichts Materielles. Das Beste war, als mein Onkel mir gezeigt hat, wie man Feuer macht, mit vier Jahren. Es ist eine der schönsten Erfahrungen, die man als kleiner Junge machen kann, dass man vonden Erwachsenen ernst genommen wird und sie einem helfen bestimmte Phänomene zu verstehen, sodass einem die Angst genommen wird.

Ist also Zeit das wichtigste Geschenk, das wir unseren Kindern geben können?

Es gibt viele Menschen, die Zeit mit ihren Kindern verbringen, sich ihnen dabei aber nicht zuwenden. Es ist eine der wichtigsten Erfahrungen für ein Kind, dass die Eltern für einen da sind. Richtig da sind, sodass es das Gefühl hat, sich ganz und gar darauf verlassen zu können, mit ihnen ganz eng verbunden zu sein. Dann sind Kinder glücklich, weil ihre Grundbedürfnisse gestillt sind. Kinder, die in sich ruhen und glücklich sind, brauchen keine Geschenke. Machen wir das an Beispielen fest: Pipi Langstrumpf, Ronja Räubertochter oder Huckleberry Finn ruhen ja nun sehr in sich. Stellen Sie sich vor, da kommt jemand mit einer großen Kiste und da ist irgendein Playmobil-Kram drin, das finden die doch albern, sie sind jaschon durch das Leben beschenkt.

Also geht es um Quality Time. Kann man die genauer definieren?

Es geht nicht um die Dauer der Begegnung, sondern darum, wann sie für Kind und Eltern eine Bereicherung ist. Oft trifft man sich und es findet gar keine Begegnung statt. Es ist dann eine, wenn man aufhört, jemanden zum Objekt zu machen. Oft machen Eltern, zumindest in Gedanken, ihr Kind zum Objekt ihrer Vorstellungen und Erwartungen, und einem Kind geht’s nicht gut damit, denn es wird benutzt. Da werden die beiden Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit und Verbundenheit und auch die nach Selbstgestaltung, Autonomie und Freiheit verletzt. Und wenn ein Kind, das so behandelt wird, dann sagt: „Blöde Mama“ – ist es eine Erleichterung und die Mama wird auch zum Objekt – und dann reden zwei aneinander vorbei und begegnen sich nicht mehr.

Ein konkretes Beispiel: Das Kind will die Wand anmalen. Wie kommuniziere ich auf Augenhöhe, dass ich das nicht will?

Ganz einfach: Sie sagen, dass sie das nicht möchten und so etwas in Ihrer Familie nicht vorkommt. Das ist eine klare Ansage als Subjekt. Und wenn das Kind dann schreit: „Ich will aber doch!“ können Sie sich zusammensetzen und eine Lösung finden. Etwa die Holzwand im Garten, auf der man wunderbar malen kann, ohne dass sich jemand aufregt. Wenn Sie dem Kind aber sagen, dass Sie das nicht gut finden, dass es so etwas tut, dann machen Sie es zum Objekt.

Das Interview als Podcast hören

Viele Eltern haben die Vorstellung, dass das Gehirn des Kindes bei der Geburt eine leere Festplatte ist, die dann immer mehr gefüllt wird. Stimmt das?

Nein, natürlich nicht. Das kindliche Gehirn hat sich ja schon vor der Geburt entwickelt, Erfahrungen gemacht und ist anhand dieser Signalmuster vorstrukturiert. Deshalb ist jedes Kind erst mal anders, aber jedes ist richtig zu seinem Körper. Sobald es auf der Welt ist werden diese Körpererfahrungen abgelöst von den Dingen seiner Welt, also vor allem Eltern und Geschwistern. Es findet heraus, was es für Möglichkeiten gibt. Erstgeborene anders als Zweitgeborene, die müssen verschiedene Dinge lernen. Und sie lernen es von ganz alleine, ob laufen, sprechen etc. Deshalb hängt es sehr davon ab, was die Eltern an Vorgaben machen. Und wenn ich nicht will, dass digitale Geräte am Tisch sind, kann man das vorgeben- nicht bevormundend, sondern als gemeinsamer Familienbeschluss.

Ihr Kollege Manfred Spitzer sagt,  Smartphone und Tablet erst ab 18 Jahren, weil sie die Gehirnentwicklung stören. Sehen Sie das auch so streng?

Ich habe mir einen Kindergarten angesehen, in dem Kinder Bohnen gepflanzt haben und mit einem fix installierten Smartphone Fotos vom Wachstum gemacht haben. Den Zeitraffer-Film haben sie dann den Eltern zu Hause gezeigt. Wo hat denn das Hirn darunter gelitten, dass sie ein digitales Gerät benutzt haben? Im Gegenteil – ein digitales Gerät als Werkzeug zu benutzen, um etwas zustande zu bringen – warum nicht? Ist doch nichts Anderes als Hammer und Meißel. Aber wir verwenden digitale Geräte gerne zur Affektkontrolle. Wir sindes doch, die sich vor den Fernseher setzen und machen den Kindern vor, dass man Geräte einsetzen kann, um schlechte Laune und Langeweile zu vertreiben, oder Frust abzubauen. Das ist blöd, weil die Kinder es dann selber nicht mehr lernen können und dann mit dem Leben nicht zurechtkommen. Sie machen alles nur noch in diesem Programm und werden automatisch zu dessen Objekt, das ja fertig geschrieben ist und dem Kind vorgibt, was zu tun ist. Also steht am Ende immer ein Mensch, der ein Kind für seinen Zweck benutzt, zumeiest um Geld zu verdienen.

Sie haben einmal gesagt, es ist schlecht, Ziele zu haben. Warum?

Weil man sie erreichen kann. Wenn uns etwas langfristiger trägt, dann sind das Anliegen. Meines zum Beispiel ist, dass ich nie meine Würde verlieren möchte. Das ist kein Ziel, sondern etwas, worum ich mich jeden Tag bemühen kann. Eine Familie könnte das Anliegen haben, dass niemand zum Objekt gemacht wird und kann sich jeden Tag freuen, wenn es gelingt. Wenn ich ein Anliegen verfolge, beharre ich nicht darauf, dass alles so gemacht werden soll, wie ich das will, sondern agiere im Miteinander.

Ihr neues Buch haben Sie gemeinsam mit André Stern geschrieben, der ja nie in der Schule war. Was hat er gelernt und andere nicht?

Er musste sich nie an die Erfordernisse dieser Gemeinschaft anpassen. In der Familie schon, aber nicht in Kindergruppen, wo es oft brutal zugeht. Dadurch war er in der Lage, sehr bei sich zu bleiben. Er hat zu Hause aus sich heraus gelernt, alles, was auch andere lernen, sich aber eine große Lernfreude bewahrt. Er hat mit 18 beschlossen, Deutsch zu lernen und hat es binnen zwei Jahren perfekt gelernt.

Gerald Hüther im Interview für den Podcast mit einerschreitimmer.com. Klicke HIER und höre den Podcast.

Halten Sie da gerade ein Plädoyer gegen die Schule?

Es würde uns helfen, wenn wir uns da nicht in die Tasche lügen würden, was Schule ist. Eine Einrichtung, in der Kinder zunächst mal aufbewahrt werden, damit Eltern arbeiten gehen können. Die Politik spricht dann so schön vor der vollständigen Unterrichtsversorgung. Zweitens sorgt sie dafür, dass Kinder das lernen, was sie später für ihren Beruf brauchen, sie ist also eine Ausbildungseinrichtung. Und sie ist eine Selektionseinrichtung, die die Einen besser beurteilt als die Anderen. Aufbewahrung, Ausbildung, Selektion – diese Aufgabe erfüllt die Schule recht gut. Aber sie sollte sich nie als eine Bildungseinrichtung bezeichnen. Bildung ist etwas Anderes. Wo findet also die Bildung für ein sinnerfülltes, glückliches Leben statt? Wo lernen Kinder, ihre Entdecker- und Gestaltungsfreude zu bewahren? Wo lernen sie Selbstdisziplin und nicht Opfer ihrer eigenen Frustrationen zu werden, wo Mitgefühl, Verantwortung für ihre Umgebung und die Natur? Das kann man nicht unterrichten.Wo lernen sie es dann? In adligen Familien früher zu Hause. Heutzutage haben wir das Problem, dass Eltern glauben, die Kinder lernen es in der Schule. In unseren Lebenswelten würden wir Kinder brauchen, die das beherrschen, aber man kann es nicht unterrichten. Das sind Lebenskompetenzen, die man nur im Leben lernen kann. Die Gesellschaft, also jeder einzelne von uns, ist verantwortlich und muss es ihnen beibringen. Bei uns in der Akademie bauen wir gerade eine Plattform für Menschen, die Wissen weitergeben, also etwa mit Kindern Angeln gehen, sie zur Arbeit mitnehmen… Kinder sollen es sich aussuchen und nicht mitmüssen. Fridays for Future soll entstehen – schulfreie Freitage, in denen Kinder andere Dinge lernen können, und sich durch eigenes tun mit Themen wie Umwelt auseinandersetzen.

Auf Facebook durften die „Einer schreit immer“ Leser Fragen stellen. Eine davon ist: Was kann ich tun, dass mein Kind resilient ist?

Sie wollen, dass das Kind resilient ist? Das Kind ist es, wenn es auf die Welt kommt! Worauf sie achten müssen, ist, dass den Kindern diese angeborene Resilienz nicht verloren geht. Sie verlieren sie, wenn Eltern ihnen die Steine aus dem Weg räumen. Je mehr Probleme Eltern ihren Kindern machen, desto besser ist es. Aber nur solche, die sie auch lösen können. Wenn Eltern etwa Beziehungsprobleme einbringen, ist das Kind überfordert.

Die zweite Leserfrage: Welche Forschungsergebnisse sprechen für – oder gegen eine Einschulung unter 6 Jahren?

Kinder sind so unterschiedlich, man darf da nicht mit Altersangaben operieren. Es sind bis zu drei Jahre, sie können im seben Alter agieren wie Zweijährige oder wie Achtjährige. Der Kindergarten wäre wichtiger als die Schule, weil sie sich da Lebenskompetenzen aneignen. Lasst doch am besten die Kinder bis zehn dort!

Die dritte Leserfrage: Unsere Kinder lernen Deutsch, Niederländsich und Englisch, überfordern wir sie?

Platz genug für mehrere Sprachen ist, aber das Kind braucht eine Bezugsperson für jede Sprache. Spricht es also mit dem Vater in dessen Sprache, mit der Mutter in ihrer Sprache, so ist das OK. Schwierig wird’s, wennman dem Kind aus bestimmten Gründen eine weitere Sprache beibringen will, dann macht man es wieder zum Objekt, weil man sich denkt: je früher es eine Sprache lernt, desto besser, also Chinesisch schon in der Vorschule oder so.Das wäre der beste Weg einem Kind die Freude am Sprachenlernen verdirbt.

Wer schreibt hier eigentlich?

Zwillingsmama, Kinderdompteurin, Chaosmanagerin und „Mädchen für eh alles“: Unter dem Pseudonym Anna Attersee schreibe ich hier über das turbulente Leben mit Kindern – schonungslos ehrlich, denn einer schreit bei uns immer… Im richtigen Leben bin ich Journalistin, arbeite im Bereich „Irgendwas mit Medien“ und habe kürzlich mein erstes Buch veröffentlicht. Stolz bin ich auf meine Kinder und meinen Online-Shop. Mehr über mich und meine Familie findest du HIER.

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About einerschreitimmer

Einst kaufte sich Anne ohne mit einer Wimper zu zucken Stilettos um 150 Euro. Dann wurde sie Mutter. Von Zwillingen. Eines ihrer Kinder schreit immer...

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1 Kommentar

  1. Was die Smartphone und Tablet angeht, stimme ich zu. Digitale Medien haben längst unseren Alltag erobert. Ein Leben ohne Internet, Handy und Tablet ist nicht nur für viele Erwachsene unvorstellbar. Bereits Kinder und Jugendliche wachsen wie selbstverständlich mit digitalen Medien auf. Nicht selten scheinen sie dabei kompetenter und schneller als wir Erwachsene zu sein – das kann zu Unsicherheiten führen.

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