Experteninterview: „Was ist eigentlich dieser ‚Mental Load‘, Laura?“

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„Macht ihr Halbe Halbe zu Hause?“, fragte mich Journalistin Barbara Vorsamer von der Süddeutschen Zeitung Familie bei einem Treffen letztes Jahr. Meine Antwort war ein klares „Ja!“. Mein Mann übernimmt sehr viele Aufgaben bei uns zu Hause. „Und wie steht es mit dem ‚Mental Load‘?“, hakte sie nach. Ich hatte zuvor noch nie von diesem Begriff gehört. Seither verfolgt er mich ständig. Grund genug um bei Autorin und Mental Load-Expertin Laura vom absolut empfehlenswerten Blog „Heute ist Musik“ nachzufragen. Sie hält Keynotes zum Thema und bald erscheint auch noch ein Buch, das sich mit dem Chaos im Kopf von Müttern befasst.

Was genau ist Mental Load?

Laura Fröhlich: Unter Mental Load versteht man die mentale Last, an alles denken zu müssen. Das sind natürlich in einer Familie gewaltig viele Dinge: Neue Windeln kaufen, einen Termin für die U8 machen, Bücher in die Bücherei bringen und neue Matschhosen besorgen, weil die alten zu klein geworden sind. Neue Seife kaufen, Brot holen und dann hat die Oma bald Geburtstag. An all die Dinge denken oft die Mütter, denn sie fühlen sich für den Haushalt und das Familien-Management verantwortlich. Während viele Väter abends auf dem Sofa entspannen, rattert es in den Köpfen der Mütter weiter. Diese Arbeit ist unsichtbar und wird nicht gewertschätzt, aber sie kann fix und fertig machen, weil sie niemals aufhört. Mental Load ist quasi Familienmanagement. Auch wenn frau gewisse Dinge nicht selber erledigt, sie organisiert jemanden, der sie erledigt.

Seit wann gibt es den Begriff und woher kommt er?

Laura Fröhlich: Das Problem bestand schon immer. Nicht, weil Frauen besser organisieren können, sondern weil sie so sozialisiert wurden. Der Mann sorgt für das Geld, die Frau für Küche und Kinder. Auch wenn wir meinen, in einer modernen Zeit zu leben, so stecken diese stereotypischen Rollenbilder fest in uns drin. Seit ein paar Jahren gibt es den Begriff Mental Load. Ich kenne ihn von Bloggerin Patricia Cammarata von „Das Nuf“ und aus dem empfehlenswerten Comic von Emma.

Warum betrifft Mental Load nur Frauen? Können die Männer das alles ausblenden?

Laura Fröhlich: Das Problem betriff deshalb vor allem Frauen. Wenn der Haushalt im Chaos versinkt oder etwas mit den Kindern nicht klappt, empfinden viele Mütter das als persönlichen Misserfolg. Männer hingegen identifizieren sich nicht so sehr mit der Ordnung im Haus und stehen in ihrem Vatersein auch nicht unter öffentlichem Druck wie Mütter. Sie können ja nichts richtig machen: mal sind sie zu lange bei den Kindern, mal gehen sie viel zu früh wieder arbeiten. Sie stillen zu lange oder zu kurz, sind überbesorgt oder eine Rabenmutter.

Nach der Geburt der Kinder bleiben meist die Mütter erst einmal zuhause, sie schmeißen nebenher den Haushalt und organisieren den Alltag. Wenn sie dann wieder arbeiten gehen, ändert sich daran nichts. Sie kennen die Folgen, wenn die Matschhose nicht mehr passt oder es zum Abendessen kein Brot mehr gibt. Also kümmern sie sich frühzeitig darum. Der Vater hat dann manchmal den Mangel nicht einmal mitbekommen.

Was macht der Mental Load mit unserem Gehirn?

Laura Fröhlich: All diese Dinge im Kopf koordinieren zu müssen macht müde und kaputt, denn es hat ja nie ein Ende. Auch im Urlaub denken wir an die Windeln und packen den Wanderrucksack. Wir werden darin über die Jahre aber so gut und effizient, dass wir meinen, es geht schneller, wenn wir es selber machen. Die Männer lassen wir in Sachen Familien-Management weit hinter uns zurück und sie ruhen sich manchmal auch darauf aus, dass wir es scheinbar besser können. Manchen Frauen fällt es auch schwer, dem Vater Kompetenzen zuzugestehen und sie sind überzeugt, dass er sowieso alles vergisst und nicht in der Lage wäre, das Kind auch mal ganz alleine zu versorgen.

Frauen leiden unter Mental Load und je mehr Sorgen sie haben, desto schlimmer wird es. Sie brennen darüber aus und sind sich manchmal nicht einmal bewusst über die Ursachen.

Mental Load ist etwas Privates, das die Politik nicht lösen kann. Wie können wir es lösen?

Laura Fröhlich: Zunächst einmal ist es wichtig, dass wir uns die stereotypen Rollenbilder bewusst machen. Es stimmt nicht, dass Frauen sich besser kümmern können. Väter können das genauso, und Haushalt und Organisation sind Übungssache. Wir sollten beginnen, all die Arbeit untereinander gerechter zu verteilen. Zum Beispiel könnte jeder einen Verantwortungsbereich bekommen. Bei uns zuhause kümmere ich mich ums Essen, mein Mann um die Wäsche. Er macht alle Kindergarten-Angelegenheiten, ich bin für Schulisches zuständig. Eltern können das aber auch wöchentlich neu verteilen. Was eine faire Verteilung ist, bestimmt jedes Paar für sich. Es ist übrigens empfehlenswert, sich einmal die Mühe zu machen, und alle anfallenden Aufgaben aufzuschreiben. So bekommen Eltern einen Überblick über die gesamte Care-Arbeit und wissen künftig eher zu schätzen, was da so anfällt. Mit verschiedenen analogen und digitalen Tools kann man dann die Aufgaben verteilen. Wichtig dabei: eine Aufgaben besteht aus Planung, Konzeption und Durchführung, und die ersten beiden Punkte sind die, die mentale Last verursachen.

Gibt es Praxis-Tipps für Familien?

Laura Fröhlich: Familien können sich die Aufgaben in einer Excel-Tabelle sortieren, ich empfehle auch die Shop Floor-Methode. In diesem Jahr erscheint mein Buch über Mental Load und es wird dazu die ultimative Excel-Tabelle mit vielen sinnvollen Funktionen geben.

Wäre es nicht alles einfacher, wenn wir alle viel weniger arbeiten würden?

Laura Fröhlich: Wir können zuhause Vieles verändern, was wir aber zusätzlich dringend brauchen, sind strukturelle Veränderungen. Du sprichst genau das richtige an, denn ich finde auch, wir sollten bessere Möglichkeiten haben, Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Dazu gehört für mich, dass auch Teilzeit-Jobs Karrieremöglichkeiten bieten. Es muss für Eltern selbstverständlich sein, für die Familie zweitweise weniger zu arbeiten, ohne dass sie damit aufs Abstellgleis geschoben werden. Wir brauchen dringend genug KiTaplätze und eine Aufwertung des Erzieherberufs. Mehr Väter in Elternzeit über die acht Wochen hinaus und Frauen, die wieder leichter in den Job finden. Auch Care-Arbeit endlich als vollwertige und wichtige Arbeit anzuerkennen gehört dazu. Wer den unbezahlten Job zuhause macht, hat Anerkennung verdient. So kriegen wir mehr Väter dazu, Haushalt und Kinderbetreuung zu übernehmen. Am wichtigsten ist jedoch, wegzukommen von den alten Rollenbilder. Wir sind alle in der Lage, uns um Kinder zu kümmern, weil wir als Menschen (vgl. Susanne Mierau) dafür geschaffen sind und das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, selbst wenn uns das manche rückwärtsgewandten Menschen glauben machen wollen. Mütter dürfen die Verantworgung auch abgeben, und Väter können kompetente und verantwortungsbewusste Partner sein. Dann klappt es auch mit der Ruhe im Kopf.

Über die Interviewpartnerin:

Mental Load Expertin Laura Fröhlich bloggt auf „Heute ist Musik“ über Femininismus und den gedanklichen Tsunami im Gehirn, der Frauen oft bis spät in die Nacht verfolgt. Ihre klugen Texte findet ihr am Blog und auch auf  Facebook und Instagram. Ihr erstes Buch handelt von der Wackelzahnpubertät*.

Laura Fröhlich

Wer bloggt hier eigentlich?

Zwillingsmama, Kinderdompteurin, Chaosmanagerin und „Mädchen für eh alles“: Unter dem Pseudonym Anna Attersee schreibe ich hier über das turbulente Leben mit Kindern – schonungslos ehrlich, denn einer schreit bei uns immer… Im richtigen Leben bin ich Journalistin, arbeite im Bereich „Irgendwas mit Medien“ und habe kürzlich mein erstes Buch veröffentlicht und meinen eigenen Pocdast gestartet. Stolz bin ich auf meine Kinder und meinen Online-Shop. Mehr über mich und meine Familie findest du HIER.

 

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About einerschreitimmer

Einst kaufte sich Anne ohne mit einer Wimper zu zucken Stilettos um 150 Euro. Dann wurde sie Mutter. Von Zwillingen. Eines ihrer Kinder schreit immer...

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