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Streiten Zwillinge häufiger als andere Geschwister?

Streitschlichterin, Elterncoach, Autorin und Mama zweier Töchter: Vera Rosenauer hat viele Jobtitel. Ihre Philosophie? „Eltern müssen nicht perfekt sein – Kinder hätten ja sonst keine Vorbilder, wie man einen Fehler wieder ausbügelt.“ Neben On- und Offline-Beratungen bloggt Vera unter „Abenteuer Erziehung“.

Danke liebe Vera, dass du dir Zeit nimmst. Beginnen wir gleich mit der Frage aller Fragen: Streiten Zwillinge häufiger oder heftiger als andere Geschwisterkinder? Wenn ja, warum?

Ja! Aber auch gleichzeitig nein. Denn sie streiten nicht allein deshalb mehr, weil sie Zwillinge sind. Was der Fall sein kann: Sie streiten mehr, weil sie schlicht und ergreifend mehr Zeit miteinander verbringen als andere Geschwisterkinder, die aufgrund des Alters ihren Alltag zeitweise getrennt voneinander verbringen. Wenn ein Kind schon ein paar Stunden in den Kindergarten geht, während das andere noch den ganzen Tag zu Hause ist, bleiben ihnen einfach ein paar Stunden weniger Zeit um zu streiten.

Wenn du das Gefühl hast, dass deine Kinder ständig streiten, dann empfehle ich gerne, ein paar Tage wirklich Protokoll zu führen über die friedlichen und streitbeladenen Zeiten. Viele stellen dabei fest, dass die elterlich „gefühlte“ Streitzeit meist deutlich über dem tatsächlichen Wert liegt. Wenn man dann bedenkt, dass die Kinder 24 Stunden am Tag gemeinsam verbringen und nur zwei davon streitend, relativiert sich das „Die streiten ja ständig“.

Wie heftig so ein Streit ausartet, hängt übrigens stark vom Temperament der Kinder ab und weniger von der Erziehung!

Wie können Eltern damit umgehen?

Oft ist ein Blick in die eigene Biographie sehr hilfreich.

  • Wie war denn das bei mir als Kind?
  • Welche Stellung in der Reihe meiner Geschwister habe ich – Erstgeborene, Sandwichkind, Nesthäkchen?
  • Wie habe ich unsere Streitigkeiten in Erinnerung?
  • Was haben meine Eltern gemacht – oder auch nicht?
  • Wie habe ich das als Kind empfunden?

Die Antworten auf diese Fragen können sehr aufschlussreich sein. Vor allem auch, wenn man sie mit dem anderen Elternteil bespricht. Denn oft ist es ja so, dass einer die Streitereien viel heftiger empfindet als der andere. Oder man Dinge aus der eigenen Kindheit wiederholt (das passiert im Stress, obwohl man es ja NIE so machen wollte!) Oder plötzlich genau das Gegenteil davon macht, was oft bloß das Kippen in ein anderes Extrem ist!

Wichtig ist, dass Eltern es nicht als eigene Schuld oder Erziehungsfehler empfinden, wenn ihre Kinder streiten. Streit und Konflikte sind nun mal Teil des Lebens.

Eltern wollen oft vermitteln – wie weit soll man sich einmischen?

Diese Frage wird mir ganz oft gestellt – soll ich mich einmischen oder nicht?

Die Antwort ist ein deutliches JEIN, denn beides hat seine Vor- und Nachteile, die ich in einer Infografik zusammengestellt habe.

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Sollen sich die Eltern in den Streit der Geschwister einmischen?

Meine Empfehlung ist vor dem Einmischen noch mindestens einmal durchatmen und in dieser Zeit die Situation beobachten und einschätzen, ob das Einmischen hilfreich wäre.

Und zwar für die Kinder und nicht für mich selbst, damit ich das Gefühl habe, etwas getan zu haben. Ich weiß, das klingt jetzt ein wenig böse, aber in uns Müttern triggert Streit oft an, die Harmonie möglichst schnell wieder herstellen zu müssen (da nehme ich mich selbst gar nicht aus!). Allerdings kann Einmischen auch kontraproduktiv sein und den Streit unnötig verlängern.

Gefragt ist Einmischen aber auf alle Fälle, wenn der Streit körperlich ausgetragen wird und einer der Kontrahenten aufgrund seines Alters oder der Größe deutlich benachteiligt ist.

Gibt es eine Zauberformel zum Streitschlichten?

Mein Zaubersatz lautet: „Was braucht ihr jetzt, um wieder gut weitermachen zu können?“ Dieser Satz richtet nämlich sofort den Fokus auf die Zukunft! Und um die geht es eigentlich. Alle Versuche, den Beginn oder die Ursache des Streits zu klären sind – aus meiner Sicht – zum Scheitern verurteilt. Denk nur daran, wie viele Gericht mit Nachbarschaftsstreitigkeiten beschäftigt sind, wo es darum geht, wer angefangen hat und wer wann was getan hat. Und da sind Erwachsene beteiligt!

Wer versucht einen Streit in der Schiedsrichterrolle zu beenden, wird auf Dauer keinen Erfolg haben. Denn das sind Entscheidungen, die aus den beteiligten Kindern Gewinner und Verlierer machen.

Und was will der Verlierer? Beim nächsten Mal selber gewinnen und schon ganz bald wird er den nächsten Streit vom Zaun brechen und du als Mama kommst aus der Streitschlichterei gar nicht mehr heraus. Was ist dann die Alternative zum Schiedsrichter-Dasein? Wenn du eingreifst, dann tu das im Sinne eines Mediators und sieh dich selbst als Brückenbauerin.

Du vermittelst zwischen den Streitparteien, indem du beide Seite zu Wort kommen lässt und anhörst. Gegebenenfalls musst du ein wenig helfen die richtigen Worte zu finden. Wenn die Positionen dann klar sind, kommt der obige Zaubersatz zum Einsatz. Manchmal hilft es auch als einzige Intervention – einfach mal ausprobieren!

Du musst dann auch nicht gleich eine Lösung auf dem Silbertablett präsentierten. Es ist erstaunlich, dass sogar schon relativ junge Kinder viele eigene Ideen zur Konfliktlösung haben!

Inwieweit ist Streit wichtig für die Entwicklung?

Streit und Konflikte werden uns im privat und beruflich durchs ganze Leben begleiten. Es macht also Sinn zu lernen, damit umzugehen, Kompromisse und Win-Win-Lösungen zu suchen und zu entwickeln und auch mal unterschiedliche Meinungen nebeneinander stehen lassen zu können.

Kinder haben da in ihren Geschwistern wunderbare, fast ständig verfügbare Übungspartner. Und auch Eltern dürfen in dieser Sicht noch einiges mit und von ihren Kindern dazulernen …

Unterscheidet sich Streit zwischen Geschwistern von Streit mit Freunden/anderen Kindern?

Streit ist umso heftiger, je mehr Emotion mich mit meinem Streitpartner verbindet. Mit jemandem, der mir egal ist, werde ich mich nicht streiten, das ist mir die Mühe doch gar nicht wert, oder? Insofern ist Streit auch eine Art von Liebesbeweis, wahrscheinlich aber nicht die, die wir uns als Mütter wünschen 😉 aber vielleicht beruhigt dich diese Sichtweise auch mal in einer ruhigen Minute.

Konflikt bedeutet Reibung und Reibung wiederum Wärme –  wir kennen das von Kindern, die antiautoritär erzogen wurden. Die deuten das, das sie als Kinder alles ohne Widerspruch machen durften, als Erwachsene eher als fehlende Liebe der Eltern („Ich war es ihnen nicht wert, das sie sich mit mir auseinandergesetzt hätten“) denn als tolle Freiheit.

Ein weiterer Unterschied ist der, dass das Kind weiß, vom Geschwisterkind kann ich mich nicht trennen. Die Freundin geht irgendwann wieder nach Hause oder der kann ich ein „Du bist nicht mehr meine Freundin!“ um die Ohren werfen. Bruder oder Schwester sind auch morgen noch da.

Ab wann muss ich mir Gedanken machen?

Alle Mütter, die ich kenne, machen sich viele Gedanken um ihre Kinder und deren Entwicklung und das ist auch gut so. Wahrscheinlich meinst du mit dieser Frage, ab wann es mit den Streitigkeiten ins „krankhaft bedenkliche“ abrutscht.

Da wiederum sind mir in meiner Zeit, in der ich mit Familien arbeite, noch nie Kinder begegnet, die das in diesem Sinn betroffen hätte. Im Gegenteil, wenn sich zwei Dreijährige mit einem Tee am Tisch zusammensetzen, um ihr Problem miteinander in Ruhe durch zu diskutieren, würde ich das vermutlich bedenklicher empfinden als wenn die zwei sich mal kurz um ihr Spielzeug tögeln.

Nichtsdestotrotz kann es sehr hilfreich sein, sich eine Erziehungsberatung zu holen, wenn man sich Gedanken macht, da muss es nicht immer gleich um ein Riesenproblem gehen. Und es ist auch kein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit. Ein Blick von außen auf die Situation, Fragen, die du dir selber noch nie gestellt hast, eine Veränderung der Perspektive bei der Sicht aufs Kind – das kann schon in einem halbstündigen Gespräch deutliche Entlastung schaffen und das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein!

Wie verändern sich Streitigkeiten im Laufe des Älterwerdens der Kinder? Wie ist es in der Pubertät?

Langsam aber sicher verlagern sich die Streitereien von körperlichen Konfliktlösungen auf verbale – aber nicht zu früh freuen, das kommt so Mitte bis Ende der Volksschulzeit und ist nicht hundertprozentig!

Es wird aber für Eltern insofern leichter, als die Kinder mit zunehmendem Alter mehr ihre Individualität finden und leben und es dadurch etwas weniger Reibungspunkte gibt. Auch haben sie schon mehr Konfliktlösungsstrategien gelernt, die sie im Bedarfsfall einsetzen können (was sie allerdings nicht immer tun!)

Was, wenn ich es als Mutter nicht richtig mache?

Viele Mütter haben den Anspruch an sich selbst „ES“ mit ihren Kindern richtig machen zu wollen. Aber Perfektion ist nicht möglich! Und Kinder haben auch nichts davon, wenn die Eltern perfekt sind. Kinder brauchen echte Menschen als Vorbilder. Sie brauchen jemand, von dem sie lernen können, dass Fehler eben mal passieren und keine Katastrophe sind. Man kann sie wieder ausbessern, es neu versuchen und sich entschuldigen. Das alles würden ihnen perfekte Eltern vorenthalten …

Vera Rosenauer ist Eltern-Coach und selbst Mama von zwei Töchtern. Auf ihrer Homepage begleitet sie Eltern von Babys und Kleinkindern in allen Fragen der Erziehung und Ernährung. Bei Abenteuer Erziehung bekommst du die Ausrüstung, mit der du dein persönliches Abenteuer Erziehung Familienalltag gelassen bestehen kannst! Vera findest du übrigens auch auf Facebook.

 

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Eltern-Coach Vera Rosenauer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Danke für diesen informativen, tollen Text! ich finde auch, dass wir uns als Mütter immer noch schwieriger machen, als es ohnehin ist. Wir sind nicht perfekt und das ist auch gut so! Wir machen Fehler, aber das ist auch völlig in Ordnung so. Wenn man das akzeptiert, geht man auch mit seinen Kindern gelassener um 🙂

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